Redaktion: Monica Fauss

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© Verlag Fischer & Gann, Munderfing 2015

Umschlaggestaltung | Layout: Gesine Beran, Turin | Hamburg

Umschlagmotiv: © Jim Vecchi/​Corbis

Gesamtherstellung | Druck: Aumayer Druck und Verlags Gesellschaft m.b.H. & CoKG

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015

ISBN 978-3-903072-02-2

ISBN E-Book: 978-3-903072-13-8

www.fischerundgann.com

INHALT

Cover

Titel

Impressum

VORWORT

I.
LEBENSLINIEN UND LEBENSTHEMEN

Von meiner Kindheit und Adoleszenz

Studienzeit – Ablösung vom Elternhaus

Kulturarbeit in aufgewühlten Zeiten

Die Leitthemen meines Lebens

In der Mitte des Lebens angekommen – Ausbildung zur Psychotherapeutin und eigene Praxis

Kirche, Patriarchat – und die Frauen

Das weibliche Gottesbild – Feminismus und Theologie

Das Schreiben gehörte von Anfang an dazu

Wege, Mütterlichkeit zu leben

II.
DIE GROSSEN PHASEN DES LEBENS

Die Jahre ab fünfzig

Die Natur und das Schöpferische

Altersangst und Wechseljahre

Mütterlichkeit und Väterlichkeit

Die Jahre ab sechzig

Die jungen Alten

Lebensphasen, Wendepunkte – und Identität

Liebesbeziehungen im Alter

Das hohe Alter

Sich öffnen und loslassen

Weisheit und Narrheit im Alter

C. G. Jungs Sicht auf die zweite Lebenshälfte

Die ungelebten, ausgegrenzten Teile unseres Inneren

Burnout – wenn Menschen an ihren Bedürfnissen vorbeileben

III.
ENTWICKLUNGSCHANCEN UND -AUFGABEN DES MENSCHEN

Zum Wandel der Geschlechterbeziehungen

Die Potentiale von Frauen

Die besondere Rolle der Großeltern

Vom Glück des Erinnerns und Erzählens

Mit dem Leben ins Reine kommen

Haltung und Würde

Im Alter elastischer werden

Die Dinge bewusster wahrnehmen

Selbstverwirklichung und Lebenssinn

Narzissmus und Selbstwert

Die Fähigkeit, Grenzen zu setzen

Unangepasstheit im Alter

Lebensphasen und Schwellenängste

Engagement in späten Jahren

Neue Lebensformen im Alter

Resilienz – die Robustheit des Menschen

Das Schöpferische als Lebenskunst

Am Ende steht der Tod

Weitere Titel

VORWORT

LEBENSPHASEN, DAS SIND BEMERKENSWERTE PHASEN des individuellen Lebenslaufs. So nennt man aber auch die Phasen, die Menschen überhaupt in bestimmten Altersstufen erleben – so zum Beispiel während der Adoleszenz, während des frühen, des mittleren oder des späteren Erwachsenenalters – wie sie die Lebensspannenforschung voneinander unterscheidet. Um beides geht es in diesem Buch. Eine jede dieser Phasen hat ihre charakteristischen neuen Entwicklungsmöglichkeiten, während anderes wieder zurücktritt. Eine jede – bis zur Altersphase hin – kennt Gewinn und Verlust, und wir versuchen jeweils, beides auszubalancieren.

Nach den eigenen Lebensphasen befragt, wie es in dem Interview durch Mathilde Fischer geschieht, das dem vorliegenden Buch zugrunde liegt, fallen mir spontan die Phasen ein, die mir heute am lebendigsten vor Augen stehen, die am intensivsten nachleuchten: Zeiten beruflicher Erfüllung im jungen und im mittleren Erwachsenenalter, in Kassel, in Zürich und in Konstanz, wo ich heute lebe.

Zugleich erinnere ich mich an die Hintergründe meiner ersten Berufswahl, während meiner letzten Schuljahre vor dem Abitur, in der Altersphase der Adoleszenz – und damit beginne ich zu erzählen. Warum zuerst ein Studium der evangelischen Theologie? Und dann, in der Mitte des Lebens, eine grundsätzlich neue Ausbildung in Tiefenpsychologie, für den Beruf der Psychotherapeutin? Wie kam das alles?

Wie hängt mein persönliches Leben nicht nur mit meiner jeweiligen Altersphase, sondern auch mit zeitgeschichtlichen Gegebenheiten zusammen, die von Kriegs- und früher Nachkriegszeit über die stürmischen 68er-Jahre des Wertewandels reichten, von der hohen Zeit des Feminismus bis zur Wiederentdeckung von Selbsterfahrung, Tiefenpsychologie sowie Spiritualität in den 1980er-Jahren. Heute stellt die Umwelt und Mitweltfrage eine besondere Herausforderung dar, die mich und meine persönlichen Themen stark berührt.

Natürlich kommen dabei immer wieder die Lebensphasen zur Sprache, wie sie überhaupt und wie sie bei mir verlaufen sind. Auch die Einstellung zur Endlichkeit des Lebens, zum Alter, zum Verlust naher Menschen und zum Sterben wird berührt.

Ein Interview verläuft spontan, überraschend, manchmal verblüffend: Ich antworte, was mir in dem Moment nahe ist und was eben jetzt für mich gilt. Es sind keine letzten Worte, sondern erste, aus dem Augenblick heraus geborene.

Mathilde Fischer erfragt vor allem die Phasen meines beruflichen Lebens, die mir wichtig sind. Auch meine Auffassungen von bestimmten fachlichen Themen und meine therapeutischen Zugangsweisen kommen zur Sprache.

Der Radius meines persönlichen Lebens- und meiner Lebensphasen reicht natürlich um einiges weiter, ist umfassender als das, was in diesem Buch angesprochen werden kann.

Doch das, was das Gespräch über mehrere Tage hin enthielt und ergab, findet sich in diesem Buch.

Für die Idee zu diesem Interview und einem daraus entstehenden Buch, für ihr Interesse und ihre Aufgeschlossenheit meinen Themen und Lebensphasen gegenüber danke ich Mathilde Fischer, mit der ich schon manches frühere Buchprojekt realisieren konnte.

Konstanz im Juli 2015

Ingrid Riedel

I.

LEBENSLINIEN UND LEBENSTHEMEN

VON MEINER KINDHEIT UND ADOLESZENZ

MATHILDE FISCHER: Zu den „Lebensphasen“, den verschiedenen Entwicklungslinien und Themen im Leben eines Menschen haben Sie vielfach geforscht und geschrieben. Welche Bedeutung hatten und haben diese Phasen in Ihrem eigenen Leben?

INGRID RIEDEL: Ich erlebte und erlebe sie als etwas sehr Wichtiges und erinnere mich deutlich an die bisherigen Hauptphasen in meinem Leben, einerseits die alters-, andererseits die entwicklungsgemäßen.

Die Zeit nach der Pubertät bis ins junge Erwachsenenalter hinein haben mein Leben und auch meine Berufswahl besonders stark geprägt. Wobei, wenn ich es genau bedenke, auch meine frühe und spätere Kindheit entscheidend dabei mitwirkte. Ich möchte trotzdem jetzt mit der Phase der Adoleszenz beginnen und erzählen, was ich damals erlebte, was für mein späteres Leben bestimmend wurde.

Zeitgeschichtlich gesehen fiel meine späte Kindheit auf die letzten Kriegsjahre bis in die ersten Nachkriegsjahre hinein, die Adoleszenz dann auf die 1950er-Jahre, mein Abitur fand im Jahr 1953 statt.

Ich wurde während des Krieges eingeschult. Als er endete, war ich gerade zehn Jahre alt. Ich habe die ganze damalige Misere aber doch schon relativ bewusst miterlebt, etwa die entsetzlichen Bombenangriffe auf die Stadt, in der ich aufwuchs. Sie war geprägt durch bedeutende Industrieanlagen der Kugellagerindustrie – wie den Firmen Fichtel & Sachs, SKF und Kugelfischer – und infolgedessen nach dem Krieg eine der zerstörtesten Städte in Deutschland. Kugellager galten als kriegswichtig, da sie, in jedwedem Rad enthalten, auch Panzer zum Rollen brachten. Später kam für mich noch einmal verstörend hinzu – wie für alle in meinen Jahrgängen –, dass ich schon ab zehn in der Schule erfuhr, was während des NS Regimes an Verbrechen von deutscher Seite her, vor allem an Juden, geschehen war. Auch in dieser Hinsicht bin ich in einer schwierigen Zeit aufgewachsen.

Zum Glück waren demgegenüber die Verhältnisse in meiner eigenen Familie recht tragend. Wir hatten, wenigstens in der engsten Familie, alle überlebt, obgleich wir um uns herum die Trauer der anderen Familien miterlebten, die ihre Väter, Mütter und viele der Geschwister verloren hatten. Wir bekräftigten uns immer wieder gegenseitig mit den Worten: „Was sind wir froh, dass wir alle wieder beisammen sind“ – denn auch unser Vater war heil zurückgekommen.

MF: Können Sie Ihr persönliches Erleben dieser Zeit und welche Auswirkung diese auf Ihre Entwicklung hatte, noch ausführlicher beschreiben?

IR: Es waren vor allem zwei wichtige Aspekte: einerseits die starke Verbundenheit innerhalb der Familie, die Dankbarkeit für unser Überleben, und andererseits die sehr aufgewühlte und ratlose Zeit und die entsprechende Stimmung um uns herum. Natürlich begann bald der Wiederaufbau, die Menschen blickten wieder nach vorn, dabei wurde aber über dem äußeren Wiederaufbau oft die innere Aufräumarbeit nach Kriegserleben und NS Zeit vergessen oder doch vernachlässigt. Es half uns Jungen niemand so recht dabei.

Viele meiner Klassenkameradinnen und Freunde hatten dieselben Erfahrungen gemacht. Wir suchten nach Erklärungen für das Schreckliche – im Grunde waren wir viel erwachsener, als man das heute im gleichen Alter ist. Einer meiner Freunde nahm sich nach dem Abitur das Leben, ein Kurzschluss nach einer gescheiterten Beziehung – aber doch auch, weil er mit seiner vorherigen Zugehörigkeit zur Hitlerjugend nicht mehr zurechtkam, er konnte es mit seinem späteren Selbstbild nicht mehr vereinen.

Als ich selbst als Schülerin mit der Verbrechensgeschichte des Nationalsozialismus konfrontiert wurde, begann ich zu fragen, ob es denn zur Zeit des sogenannten Dritten Reiches überhaupt keine Gegenkräfte gegeben habe, die dem allen entgegengetreten und Widerstand geleistet hätten – oder doch zumindest hätten leisten können. Da stieß ich auf einige wenige Gestalten wie zum Beispiel auf Dietrich Bonhoeffer, die mit dem Widerstand gegen Hitler, sogar mit dem Attentat auf ihn, in Verbindung gestanden hatten. Dafür hatte er mit dem Leben bezahlt. Das beeindruckte mich. Er war evangelischer Theologe und Pfarrer gewesen und auch das begann mich zu interessieren. Hätte womöglich die christlich-ethische Tradition das Potential gehabt, der Hitler Herrschaft Einhalt zu gebieten? Aber wo waren die Kirchen geblieben, wo standen sie heute in der Nachkriegszeit? Diese anhaltenden Fragen kamen nun nicht aus meinem familiären Hintergrund, denn meine Eltern waren kirchlich nicht sehr aktiv. Da mein Vater evangelisch und meine Mutter katholisch war, hatten sie bei der Eheschließung und der Taufe der Kinder mit der Institution Kirche einige Konflikte durchlebt und sich jeweils davon distanziert. Wohl auch aus diesem Grund waren wir zu einer sehr frei denkenden Familie geworden.

Trotzdem begann ich mich zu fragen, was über die demokratischen und humanistischen Traditionen hinaus die christliche Religion während dieser schlimmen Zeit hätte bewirken können. So bin ich auf Vorbilder wie Bonhoeffer gestoßen, der wegen seiner Beteiligung am Widerstand gegen Hitler von den Nazis noch im April 1945 hingerichtet wurde. Er war nicht der Einzige, der Widerstand geleistet hatte, wie ich erfuhr, auch Martin Niemöller und der ganze Kreis der sogenannten Bekennenden Kirche hatten es versucht. Diese ganze Thematik bewegte mich zunehmend und war eine wichtige Motivation für meine Suche nach geistiger Orientierung.

Hinzu kam emotional, dass mich sakrale Räume wie romanische oder gotische Kirchen auf eigentümliche Weise zu berühren begannen, auch der moderne Kirchenbau, der nach der Zerstörung einen ausgesprochenen Aufschwung erlebte (ich nenne nur die Architekten Schedel oder Wiedemann). Ein gelungenes Beispiel war St. Kilian in Schweinfurt, das unter Mitwirkung meines Vaters von dessen Firma erbaut wurde, wenige Schritte von unserer Wohnung entfernt, mit dem hinreißenden Fenster von Georg Meistermann an der Altarseite, das die ganze Wand von der Decke bis zum Boden füllt und die Ausgießung des Pfingstgeistes in einer abstrakten, bewegten Komposition von Tropfen und flammenden Farben darstellt. Hier begann meine Begegnung mit dem religiösen Bild: Diesen hohen Raum suchte ich oft auf und war überwältigt von der Lichtfülle, die ihn durchflutete. Auch die wachsende Berührbarkeit durch Musik von Bach bis Penderecki kam in dieser Zeit hinzu.

MF: Hat dies alles denn auch Ihre Studienwahl beeinflusst – Sie haben evangelische Theologie studiert?

IR: Es war bestimmt auch ein Grund dafür, mich für ein Studium der evangelischen Theologie zu entscheiden. Ich bin es allerdings wie ein Feldforschungsunternehmen angegangen. Ich war eine Forschungsreisende, die nicht von zu Hause, aus der Sicherheit eines vertrauten Raumes heraus, tätig wird, sondern von Lagerstatt zu Lagerstatt aufbricht und sich in einem unbekannten Gelände vorwärtsbewegt, um nach etwas zu suchen, das im Leben Orientierung gibt. Zum Glück stieß eine Freundin aus meiner Heimatstadt zu mir, die auch aus einer liberalen Familie stammte, sie wechselte nach wenigen Semestern dann in dasselbe Fach. Wir waren damals in den Vorlesungen und Seminaren die einzigen beiden Frauen unter jeweils an die hundert Studierenden, alles Männer. Das war ein Abenteuer! Es war natürlich sehr viel mehr als das, aber auch ein Abenteuer, unter diesen Rahmenbedingungen zu studieren. Die Professoren behandelten uns überwiegend väterlich und fanden uns wohl eher rührend. Die Studienkollegen verhielten sich zum Teil freundschaftlich, es kam auch zu tiefen Begegnungen, und zum Teil auch ironisch-distanziert. Aber vor allem wusste ja niemand, was daraus werden sollte! Damals konnte man als Frau noch nicht mit einem Pfarramt rechnen – das ist ja heute bei den katholischen Kolleginnen noch immer so, auch wenn sich bereits einiges geändert hat. Aber wir wollten auch nicht unbedingt das Pfarramt. Es ging uns mehr darum, Sinn und Werte für unser Leben zu finden. Aber diese Ausnahmesituation, als Frau in einer Männerdomäne zu studieren, lenkte mich früh auch auf die Frage, wo es denn eigentlich in unserer Gesellschaft für Frauen einen Platz gibt, wo sie sichtbar werden. Ich habe mich dann später ja ausführlich mit der Geschichte der Frauen in Gesellschaft und Kirche beschäftigt. Vor allem ging es mir auch um die persönliche Ebene, um die Identität als Frau in den verschiedenen Alters- und Lebensphasen. Man muss sich in ihnen immer wieder neu entwerfen.

MF: War es in Ihrer Ursprungsfamilie ein Thema, als Mädchen beziehungsweise später als Frau Anerkennung zu bekommen?

IR: Diese Frage bringt mich jetzt doch noch zu meiner frühen Familiengeschichte. Sie spielt bei meinem Interesse an der persönlichen und gesellschaftlichen Geschichte von Frauen mit hinein. Ich wurde als drittes Mädchen unter fünf Geschwistern geboren und wurde, wie man mir glaubwürdig versichert, in der Familie mit großer Freude empfangen. Mein Vater, der ein Familienunternehmen in der Baubranche leitete, mochte mich sehr, aber er sehnte sich insgeheim nach einem Sohn, der das Unternehmen künftig würde weiterführen können. So etwas konnte seinem Verständnis nach damals nur ein Sohn. Ich hing an meinem Vater und spürte doch unbewusst seinen Wunsch nach einem Buben, das hat mich geprägt. Als ich zweieinhalb Jahre alt war, kam dann ein Junge zur Welt, der erste Junge in der Familie, dem später noch ein weiterer folgte. Ich reagierte natürlich auch mit Eifersucht auf die übergroße Freude meines Vaters und auf die Aufmerksamkeit, die mein Bruder erhielt. Das weiß ich mehr aus Familienerzählungen als aus eigner Erinnerung. Ich habe aber das Gefühl, dass es wirklich so gewesen sein muss … Ich befand mich im Alter der Trotzphase! So zog ich mich von meinem Vater zurück und wandte mich stärker meiner Mutter und vor allem meiner Großmutter zu. Zu ihr hatte ich eine besondere Bindung, da ich kurz nach dem frühen Tod ihres Mannes, meines Großvaters, geboren wurde. Er war sehr plötzlich an einer akuten Lungenentzündung gestorben, die man damals nicht recht behandeln konnte. Für meine Großmutter und meine Mutter war das eine traurige und schwere Zeit. Ich erinnere mich heute noch daran, dass die beiden gerne und oft sagten, ich sei ihr „Trösterle“ gewesen.

MF: Das klingt etwas ambivalent.

IR: Ja. Denn so entstand offenbar – ich war noch viel zu klein für so etwas – ein wichtiges „Skript“ als Vorgabe für meine Rolle innerhalb der Familie und wohl auch schon als Vorentwurf für mein späteres Leben. Ich tat es ja auch gerne und war sehr froh, wenn mir das Trösten irgendwie gelang. Einerseits das „Trösterle“ in der Familie zu sein und andererseits zu erleben, dass Mädchen doch nicht ganz gleichwertig sind, das spielte auf der Suche nach meiner Identität als Frau durchaus eine Rolle. Wobei sowohl von Seiten meiner Mutter wie auch von Seiten meines Vaters durchaus gefördert wurde, dass wir Töchter nach dem Abitur studierten. Er traute Frauen gewiss etwas zu, nur nicht gerade in der Wirtschaft, nicht gerade in Führungspositionen. Eigentlich war ich wohl in den ersten Jahren sein „Wunschbub“ gewesen, auf den er auch den Buben projiziert hatte, den er sich erhoffte, bis er dann wirklich einen Buben bekam. Aber was war ich dann?

Auch meine beiden älteren Schwestern reagierten in gewisser Weise auf diesen unausgesprochenen Wunsch unseres Vaters: Sie schlugen beide akademische Berufswege ein, wählten aber mit Mathematik und Physik eine Studienrichtung, die damals noch Männerdomäne war. Sie waren allerdings wirklich begabt. Als ich eine meiner Schwestern einmal fragte, wie sie darauf gekommen sei, sagte sie nur: „Man nimmt doch einfach das, was am leichtesten ist“. Das hätte ich selber über diese Fächer nicht sagen können, meine Begabung lag ganz woanders. Jedoch ähnlich wie meine Schwestern suchte auch ich mir einen Bereich aus, der damals hauptsächlich von Männern beherrscht wurde, suchte damit Zugang in männliche Domänen.

Heute würde man das nicht mehr so sehen, dass in der evangelischen Theologie ausschließlich Männer Führung und Einfluss haben. Damals aber war es doch noch so. Man hatte gar kein Problembewusstsein dafür.

MF: Was bewog Sie aber dann dazu, nicht wie Ihre Schwestern eine naturwissenschaftliche Fachrichtung zu wählen, sondern evangelische Theologie zu studieren?

IR: Während ich überlegte, was ich studieren sollte, habe ich mich durchaus schon mit meiner Identität als Frau auseinandergesetzt. Ich verspürte ein großes Interesse an den Geisteswissenschaften und den starken Wunsch nach Selbstverwirklichung im Beruf, was ich damals selbst als eine eher männliche Einstellung sah. Und andererseits wollte ich wohl auch künftig das „Trösterle“ für Menschen sein und stellte mir vor, dass es vielleicht in Form einer seelsorgerlichen Begleitung von Menschen Gelegenheit dazu gäbe. Es war eine Herausforderung für mich, das Gleichgewicht zu finden zwischen dem Wunsch, für andere zu sorgen, einem eher weiblichen Wunsch, und meinem Drang nach beruflicher Verwirklichung – vielleicht auch in größerer Öffentlichkeit –, ein vielleicht eher männlicher Wunsch, jedenfalls nach den Vorstellungen der damaligen Zeit …

Die warmherzige Sorge für uns Kinder hatte ich auch während des Krieges bei meiner Mutter und Großmutter auf gute Weise erlebt. Ihnen verdanken meine Geschwister und ich, wie ich denke, dass wir die traumatischen Erlebnisse des Bombenkrieges so halbwegs ohne größere seelische Schäden überstanden haben. Wahrscheinlich wäre es anders ausgegangen, wenn jemand aus der Familie im Krieg umgekommen wäre, davon bin ich überzeugt. In der Rückschau stellten wir oft fest, dass wir trotz all dem Schrecklichen in jener Zeit eine beschützte Kindheit gehabt hatten. Die Dankbarkeit dafür, dass wir alle heil aus dem Krieg herausgekommen waren, blieb in unserer Familie immer spürbar …

Natürlich hatte es auch Krisen und Brüche gegeben. So glaubte meine Mutter, mich und meinen Bruder in den vor Luftangriffen geschützten Schwarzwald in ein Kinderheim geben zu sollen, da sie kurz vor der Geburt eines weiteren Kindes stand und wenigstens uns etwas ältere Kinder aus der Stadt heraus und in Sicherheit bringen wollte. Mit meinen neun Jahren konnte ich damals aber den schrecklichen Gedanken nicht unterdrücken: „Vielleicht sehe ich meine Familie nie mehr wieder“. Als ich unmittelbar vor Kriegsende von meiner Mutter aus dem Kinderheim abgeholt wurde und mit ihr zusammen nach drei Tagen Fahrt endlich wieder in der Heimatstadt ankam, entdeckte ich, dass unser Haus bei den Bombenangriffen zerstört worden war. Als meine Mutter spürte, dass ich gleich losheulen würde, sagte sie nur: „Ach schau, die Sorge wären wir nun los“. Das zeigt, wer sie war. Und was ich an ihr lernen konnte. Sie hatte das durchaus ganz nüchtern so empfunden, denn nun konnten wir die Stadt verlassen. Das war nicht gegangen, solange sie sich noch um das Haus hatte kümmern müssen. Das Haus konnte Sie loslassen.

Aber zurück zum Hintergrund für meine Studienentscheidung. Der Kern meiner Entscheidung war die Suche nach etwas Tragendem, sowohl im Ethischen wie auch im Spirituellen.

STUDIENZEIT – ABLÖSUNG VOM ELTERNHAUS

MF: Wie nahmen denn Ihre Eltern und vor allem Ihr Vater – an dessen Meinung Ihnen ja sehr lag – diese in ihrer Familie eher ungewöhnliche Studienwahl auf?

IR: Für mich war es eine ausgesprochene Mutprobe, anzusprechen, dass ich Theologie studieren wollte! Ich war achtzehn, als ich mich im Herbst, gleich nach dem Abitur, für das Semester 1953/1954 einschrieb. Im Hinblick auf die Lebensphasen gehört diese Zeit noch zur Adoleszenz und zu deren Themen. Dazu gehört ja auch die Ablösung vom Elternhaus. Ich erinnere mich noch ganz genau daran, wie schwer es mir fiel, meinem Vater von meiner Studienwahl zu erzählen. Es geschah erst auf der Fahrt zur Einschreibung an der Universität. Er fuhr mich und mein ganzes Gepäck liebenswürdigerweise mit dem Auto zu meinem ersten Studentenzimmer in Heidelberg. Ich überlegte die ganze Fahrt über, wie ich es ihm am besten sagen sollte! Die Familie dachte nämlich, ich würde Literaturwissenschaften studieren, da Deutsch mein Lieblingsfach gewesen war. Wie es der Zufall wollte, lief im Autoradio eine Sendung zu dem Thema, dass Frauen sich vermehrt für Theologie interessieren würden. Wir hörten gemeinsam zu und als der Neckar in Sicht kam, brachte ich es endlich heraus: „Was würdest du denn dazu sagen, wenn ich auch auf diese Idee käme?“ Nach einigen Minuten Stille antwortete er mir etwas, das mich sehr überrascht hat: „In deinem Alter hätte ich mir das auch vorstellen können, da interessiert einen so etwas sehr. Aber so wie ich das geistige Klima in unserer Familie kenne, befürchte ich, dass du mit deinem kritischen Denken diese Entscheidung irgendwann in Frage stellen wirst. Es täte mir einfach sehr leid, wenn du einen Beruf mit einer recht unsicheren Perspektive beginnen würdest.“ Er sagte nur das und trug dann fraglos mit einem monatlichen Beitrag das Studium mit. So war das in unserer Familie – es gab offene kritische Worte, die einem ganz schön einheizten, ohne dass man deshalb Sanktionen zu befürchten hatte. Die Konsequenzen trug man selbst. Ich habe später oft an Vaters erste Reaktion denken müssen.

MF: Hatten Sie während des Studiums auf Grund Ihrer kritischen Haltung wirklich Probleme mit den Lehrinhalten oder mit den Professoren?

IR: Mit den Professoren gab es keine großen Probleme. In den Seminaren gab es zwar unterschiedliche Meinungen, die ich auch äußerte, aber nur selten heftige Auseinandersetzungen, man kannte und übte diesen Stil noch nicht in der Nachkriegszeit. Ich blieb sehr kritisch, wenn man mir Glaubensvorstellungen als „objektive Wahrheit“ nahebringen wollte, wurde aber aufmerksam, wenn man dann einlud, sie als existentielle Erfahrungen in symbolischem Gewand zu interpretieren. Und ich lernte vieles, was mir noch heute wertvoll ist, kennen, etwa die Kirchengeschichte von mehr als 2000 Jahren, die festgefahrene Glaubensvorstellungen, immer wieder selbst relativierte, dazu vor allem die im evangelischen Studium sehr ernst genommene Bibel-Forschung mit ihrem historisch-kritischen Zugang zur Bibel. Ein wirklich lebendiges und eindrucksvolles Bild des historischen Jesus, das mich auch innerlich berührte, habe ich da mitbekommen, auch die Friedens Ethik des Evangeliums, zumal damals die Frage der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik im Rahmen des westlichen Bündnisses die Öffentlichkeit, auch die kirchliche, stark und kontrovers bewegte.

Es war insgesamt ein sehr aufgeklärtes Studium, das ich damals in Heidelberg, Erlangen und vor allem auch in Göttingen zum Beispiel bei Ernst Käsemann absolvierte. Dennoch gab es danach für mich viele unbeantwortete Fragen. Es war auch die Zeit, in der mit Rudolf Bultmann das Programm der sogenannten Entmythologisierung und der dazugehörigen existentialen Interpretation aufkam. Das interessierte mich sehr, wirkte befreiend auf mich, und ich begann, mich damit auseinanderzusetzen. Am Ende des Studiums kam ich letztendlich zur Erkenntnis, dass die Religion eine symbolische Wirklichkeit sei, dass sie eine symbolische Sprache spricht und dass man sie nur unter dieser Perspektive richtig verstehen kann. Entsprechend wählte ich dann auch ein Thema über die Symbolik des religiösen Bildes für meine Promotion, genauer das Thema „Das wort-haltige Bild“. Diese Erkenntnis beinhaltete auch, dass es in der religiösen Symbolik nicht einfach um wahr und falsch geht, sondern um die seelische und existentielle Bedeutsamkeit der Aussagen, hinter denen wirkliche Erfahrungen stehen. Damit hatte ich mich eigentlich schon recht freigeschwommen. Aber dann kam die große Preisfrage: Was mache ich nun beruflich?

MF: Wollten Sie nicht eine kirchliche Laufbahn einschlagen?

IR: Natürlich gab es damals die kirchliche Jugendarbeit oder ähnliche Aufgaben, mit denen ich dann auch meine berufliche Tätigkeit begann, aber das Pfarramt stand Frauen nicht offen. Das ist für eine katholische Theologin heute noch so. Doch innerhalb der evangelischen Kirche war damals darum eine heftige Diskussion entbrannt. Während des Krieges waren viele theologisch gut ausgebildete Frauen eingesprungen. Sie leisteten nicht nur Gemeindearbeit, sondern übernahmen das volle Pfarramt, da die Männer fehlten. Danach wehrten sie sich dagegen, einfach wieder hinausgedrängt zu werden. Man konnte vor allem nicht mehr so tun, als könnten Frauen diese Aufgabe nicht ausfüllen. In der evangelischen Kirche ist die Schwelle hierfür ja bekanntermaßen nicht so hoch wie in der katholischen: Das Pfarramt ist für uns ein Dienst in der Weitergabe des Evangeliums, vor allem in Predigt, Seelsorge und Gemeindearbeit. Es wurde damals zunächst noch sehr kontrovers diskutiert, ob auch eine Ordination von Frauen für diesen Dienst in Frage käme. Aber wie mein Vater vorhersah, folgte ich auch nach dem Studium nicht einem Denken in engen rechtgläubigen Bahnen. Da mir auch die kirchlichen Strukturen und die Arbeit in der Gemeinde relativ fremd geblieben waren, beschloss ich nach einigen Aufgaben in der Jugendarbeit, mir ein breiteres Berufsfeld zu suchen. Ich strebte ein weiteres Tätigkeitsspektrum an.

MF: Wenn nicht eine Tätigkeit im Umfeld der Kirche in Frage kam, in welche Richtung sollte es dann gehen?

IR: Mir schwebte beispielsweise auch eine Tätigkeit in einem Verlag oder in den Medien vor. Mit der Idee, ein Zweitstudium der Germanistik dranzuhängen, kam mein Interesse an Literatur dann doch noch zum Zuge. Die Frage war nur: Wie sollte ich das finanzieren? Meinen Vater wollte ich nicht mehr fragen, er war trotz seiner Einschätzung, dass es Probleme mit der beruflichen Perspektive geben würde, bereits für das Theologiestudium aufgekommen! Zum Glück erfuhr ich rechtzeitig, dass es einige öffentliche Stiftungen gab, die Zweitstudien förderten, deren Absolventen zwischen verschiedenen Disziplinen vermitteln könnten. Auch die evangelische Kirche war damals sehr daran interessiert, dass theologisches Wissen und ethische Werte auch in andere Felder der Gesellschaft vermittelt würden und dass es Theologen gäbe, die sich in Bereichen der Öffentlichkeitsarbeit auskennen. So habe ich mich beworben und tatsächlich von der VW Stiftung ein Stipendium erhalten – es wurde über das Evangelische Studienwerk Villigst auch an Theologen vermittelt. Mein Vater staunte, nicht ohne Respekt, aber es hat ihn natürlich auch amüsiert: „Kein Zufall, dass du eine Förderung von der VW Stiftung bekommst, wo du doch ausschließlich VWs fährst!“ (Ich habe bis heute keine andere Marke gefahren!) Ich absolvierte das Studium der deutschen Literatur verbunden mit den Fächern Kommunikationswissenschaft und Sozialpsychologie dann in nur sechs Semestern, denn ich bekam aus meinem Erststudium vieles Grundlegende anerkannt, vor allem die Promotion. Danach verfügte ich über eine interdisziplinäre Bandbreite an Ausbildung, doch wusste ich immer noch nicht, was ich beruflich damit anfangen konnte.

KULTURARBEIT IN AUFGEWÜHLTEN ZEITEN

MF: Wie kamen Sie zu Ihrer ersten Anstellung in Kassel?

IR: Von einem Bekannten wusste ich, dass in Kassel eine neue Form von Hochschule, eine Gesamthochschule, geplant war. Das interessierte mich und ich kam auf die Idee, dass ich dort vielleicht mit einem Lehrauftrag für Ethik beziehungsweise für Sozialethik einsteigen und auch als Hochschuldozentin tätig werden könnte. Das muss ich kurz erklären: In den 1960er-Jahren wurde in einigen Bundesländern der Aufbau von Gesamthochschulen in Angriff genommen, welche die Konzepte von Fachhochschulen und die von Universitäten vereinen sollten, es wurden zum Beispiel die Ausbildungsgänge für Sozialpädagogik, die bis dahin den Fachhochschulen zugeordnet waren, in Hochschulstudiengänge umgewandelt und als solche qualifiziert. Die erste Gesamthochschule wurde 1971 in Kassel eröffnet und im Zuge dessen wurden Lehrkräfte gesucht. Ich bewarb mich, erhielt tatsächlich einen Lehrauftrag und zog aus dem fränkischen Nürnberg nach Kassel um. Dort angekommen, wo ich tatsächlich noch keinen einzigen Menschen kannte, fühlte ich mich erst einmal einsam. Aus Interesse und um Menschen kennenzulernen, begann ich die spannenden Veranstaltungen der Evangelischen Akademie im nahegelegenen Hofgeismar zu besuchen. Hier fand ich erste neue Freunde und diskutierte natürlich eifrig mit … Eines Tages fragte mich der Direktor der Akademie, damals Hans Gernot Jung, ob sein Eindruck stimme, dass ich vielleicht doch noch nicht den beruflichen Rahmen gefunden habe, der zu meiner breiten Ausbildung passe. Er hatte einen Hintergedanken bei dieser Frage, er wollte die Akademie ausbauen und unter anderem auch mehr im Bereich Kultur anbieten, der ihm sehr am Herzen lag. Kassel ist immerhin die Stadt der documenta Ausstellungen, bei der sich die Avantgarde der Weltkunst regelmäßig trifft. Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, den Kulturbereich aufzubauen und zu betreuen. Ich war damals knapp dreißig Jahre alt und mir wurde ganz anders vor Überraschung, vor Freude und auch aus Respekt vor der Aufgabe. Ich konnte gar nicht anders als zusagen. Eigentlich war die Stelle zeitlich auf zehn Jahre befristet, da in solch einer Einrichtung ein Wechsel der Generationen wichtig ist, damit es immer wieder neue Impulse gibt. Doch als ich anfing, war das noch nicht bindend. So betreute ich die Kulturarbeit an der Akademie, zu der nach meiner Auffassung auch die jeweils neuen soziokulturellen Strömungen gehörten, dann schließlich vierzehn Jahre lang. Es war nun doch eine Stelle im Rahmen der Kirche und doch eine von ungeahnter Weite und Freiheit.

MF: Wenn Sie heute auf Ihre Zeit in der Evangelischen Akademie zurückblicken – was war in dieser Zeit besonders wichtig und eindrücklich?

IR: