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CHRISTIAN NEEF

Der Trompeter von
Sankt Petersburg

Glanz und Untergang
der Deutschen an der Newa

Siedler

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Erste Auflage

Copyright © 2019 by Siedler Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: FAVORITBUERO, München

Umschlagabbildung: Sankt Petersburg, Troizki-Brücke, um 1900,
Photochrom © akg-images

Vor- und Nachsatz: Karl Baedeker,
Russland nebst Teheran, Port Arthur, Peking, Leipzig 1912

Lektorat und Satz: Büro Peter Palm, Berlin

Karten: Peter Palm, Berlin

Reproduktionen: Aigner, Berlin

ISBN 978-3-641-21870-6
V001

www.siedler-verlag.de

Für meine Söhne Christian und Matthias,
die in Russland aufgewachsen sind

INHALT

ORENBURG

Eine exotische Idee

Die Deutschen von Sankt Petersburg

Vier aufstrebende Familien

Der große Wurf

Premiere am Theater

Die Wunderarznei

Der Tod des Kalendermachers

Unverhoffte Karriere

Bruch mit dem Zaren

Der Herr ist deine Zuversicht

Kabale und Liebe

Glückliche Berufung

Erinnerung an eine Heldentat

Einberufung

Unzeitgemäße Visite

Letzter Urlaub

Ende einer Freundschaft

Lots Weib

Das Tagebuch

Ein Leben für den Zaren

Kriegsschwierigkeiten

Überleben in der Annenschule

Der Mord

Traumloser Schlaf

Anarchismus

Der Umsturz

Die Kalenderrevolution

Kirchenbankrott

Der Trick mit der Apotheke

Entscheidung im Theater

Abrechnen, auf unsere Art

Kündigung

Öl ins Feuer

Machtkampf auf der 7. Linie

Letzte Nacht in Petrograd?

Ausweg

Rückschlag

Neustart in Graschdanka

Deutschland

Die Schönheit des Todes

Zurückgeblieben

Vergiftete Atmosphäre

Die Rehabilitation

Kascha à la russe

Neuankömmlinge

Ersatzberuf Lehrer

Moskaus Entscheidung

Heimliche Konfirmation

Feinde über Feinde

Erste Verhaftung

Aufbruch und Gewalt

Dorfarmut

Heikle Bühne

Prozess am Berliner Landgericht

Zwietracht und Misstrauen

Die neuen Deutschen

Leben und Tod

Letzte Premiere

Zweite Verhaftung

Eine Kinokarriere

Verrohte Hunde

Der Zorn der Werktätigen

Letzte Warnung

Zug nach Warschau

Das Ende der Kirche

Winter

Letzte Verhaftung

Leningrad 1938

Abwärts

Das Urteil

Kino

WAS WURDE AUS …

DANK

ANMERKUNGEN

QUELLEN UND LITERATUR

BILDNACHWEIS

Zweihundert Jahre lang haben Deutsche in Sankt Petersburg gewirkt, rund 50000 von ihnen lebten dort. Sie haben Zaren, Regierungschefs und Minister gestellt, waren Mediziner und Architekten, Klavierbauer und Buchbinder, Brauer oder Bäcker. Vieles von ihrem Glanz verdankte die russische Residenz den Deutschen.

Der Untergang der deutschen Gemeinde begann mit dem Ersten Weltkrieg und der Revolution. Manche schafften noch die Flucht, die meisten der Zurückgebliebenen aber überlebten die nächsten Jahrzehnte nicht. Bei ihrem Versuch, aus der Sowjetunion die beste aller Welten zu machen, löschten die Bolschewiki fast die gesamte Elite aus, darunter auch die deutsche. Das einstige Petersburg war von dieser Tragödie besonders betroffen. Davon hat sich die Stadt bis heute nicht erholt. Petersburg hat nie mehr an seine große Vergangenheit anknüpfen können.

In einer Zeit, da Russland wieder auf Abschottung vom Westen setzt und sich selbst isoliert, ist es wichtig, sich daran zu erinnern: Auf Dauer können keine Stadt und kein Land, auch nicht Petersburg und Russland, abgewandt von der übrigen Welt gedeihen.

ORENBURG

Als der Musiker Oskar Böhme an diesem Julimorgen des Jahres 1935 in der Provinzstadt Orenburg aus dem Zug steigt, erfasst ihn eine eigenartige Beklemmung. Ist es Unbehagen, Angst oder Bitterkeit? Oft schon hat er fremde Städte betreten, mal neugierig, mal unsicher, aber nie hat er sich so verloren gefühlt. Es war wohl ein Fehler, nach Russland zu gehen, das gesteht er sich nun ein. Hier, in Orenburg, ist er am Tiefpunkt seines Lebens angelangt. Und doch nistet tief in seinem Innern noch immer Zuversicht, die Hoffnung, dass alles gut werden wird.

Böhme hat 72 Stunden auf der Bahn verbracht. Zuerst ging es 700 Kilometer von Leningrad nach Moskau und dann noch 1500 Kilometer Richtung Ural. Bei Samara, das seit Kurzem Kuibyschew heißt nach dem zu Jahresbeginn auf rätselhafte Weise verstorbenen Stalin-Mitstreiter Walerian Kuibyschew, überquerte der Zug die Wolga und nahm Kurs auf Orenburg an der kasachischen Grenze. Dort war Böhme ausgestiegen, obwohl er niemals in diese Stadt reisen wollte.

Schon das dreistöckige Bahnhofsgebäude lässt keinen Zweifel, dass hier eine andere Welt beginnt. Bunt vermischen sich bei dem Bau europäische Formenstrenge und asiatischer Prunk. Den Seitenflügeln sind grüne Kuppeln aufgesetzt, die an die Filzhüte turkestanischer Sultane erinnern und die ebenso in Samarkand oder Buchara stehen könnten. Es ist offensichtlich: Hier verabschiedet sich das Abendland und überlässt dem Orient das Feld. Vom Steilufer des Ural-Flusses, an dem die Stadt liegt, blickt man bereits in die kasachische Steppe. Der Fluss markiert die Grenze zwischen den Kontinenten.

Hier war das Russische Reich einst zu Ende, weswegen die Zarin Elisabeth an dieser Stelle 1743 die Festung Orenburg errichten ließ. Kasernen wurden gebaut, Artilleriehöfe und Militärschulen, Pulverkeller, Kaufhäuser, Zollstationen. Über Orenburg lief Russlands Handel nach Buchara, nach Afghanistan und Indien. Vor gar nicht langer Zeit zogen noch Kamelkarawanen durch die Stadt. Nach der Revolution war Orenburg für einige Jahre die Hauptstadt der Kirgisischen Sozialistischen Sowjetrepublik, eines autonomen asiatischen Gebiets, das die Bolschewiki bei der Neuordnung ihres Reiches aus verschiedenen Provinzteilen zusammensetzten. Mit Kirgisien aber hatte die Republik wenig zu tun, denn in Wahrheit umfasste sie große Teile des jetzigen Kasachstans. Zu ihrem Namen kam sie wohl, weil die Russen die Kasachen fälschlich für Kirgisen hielten.

Gleich hinter dem Ural-Fluss beginnt der schier endlose Osten mit seinen unwirtlichen Steppen und weiten Wüsten. Das macht die Stadt zu einem idealen Verbannungsort für Menschen, die der Staat aus politischen Gründen nicht schätzt. Sich von hier in den Westen durchzuschlagen ist so gut wie unmöglich. Schon Nikolai II. ließ Marxisten der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und widerspenstige Sozialrevolutionäre daher gern ins Zwangsexil nach Orenburg schaffen. Seit sie die Macht haben, nutzen die Bolschewiki, die sich über diese zaristische Praxis immer empört hatten, die alte Feste am Ural ebenfalls als Verbannungsort. Kontakte der Bevölkerung zu den Verbannten sind nicht erwünscht.

Oskar Wilgelmowitsch Böhme, 65 Jahre alt, von Beruf Musiker, genauer gesagt Cornetist, ist ein nicht sehr großer Mann mit grauen, kurz geschorenen Haaren und grauem Schnurrbart. In seinem blaugestreiften Hemd steht er verloren auf dem Bahnhofsvorplatz von Orenburg. Er hat Zeit. Niemand erwartet ihn, jedenfalls niemand, der sich über seinen Besuch freuen würde. Der weite Platz hat nichts zu bieten, was dem Auge wohltun könnte. Böhme fühlt sich einsam und fremd. Dass er ein Verbannter ist, ahnen die Einheimischen schon, bevor er fragt, wie er zum ehemaligen »Amerikanischen Hotel« in der Straße des 9. Januar kommt. Dort befindet sich seit der Revolution die Filiale des NKWD, des Volkskommissariats für Inneres. Das weiß jeder in Orenburg. Ihre wichtigste Abteilung ist die GUGB, die Hauptverwaltung für Staatssicherheit. Bei der soll Böhme sich nach der Ankunft unverzüglich melden. Es bleibt ihm im Grunde auch gar nichts anderes übrig, wenn er nicht von der nächsten Polizeipatrouille festgesetzt werden will. Den sowjetischen Pass hat man ihm abgenommen, er besitzt nur einen Passersatz, eine »Bescheinigung für einen administrativ Ausgesiedelten«. Bei der Suche nach einer Wohnung, einer Anstellung, auf der Post – überall wird dieses Papier ihn als Aussätzigen ausweisen. Das Papier ist ein Kainsmal.

Die Gostinodworskaja uliza, gleich hinter dem großen Kaufhof gelegen, ist zu Beginn des vorigen Jahrhunderts eine der typischen Geschäftsstraßen in Orenburg und das Amerikanische Hotel mit seinen verspielten Türmchen auf der rechten Seite ein Symbol für den Aufstieg der Stadt. Der Millionär Ahmed-Bai Chusainow hat es erbaut, ein gebürtiger Tatare, der anfangs mit Lehmziegeln und den Fellen von Zieselmäusen gehandelt hatte. Aber bald war er zum Großgrundbesitzer aufgestiegen, hatte sich in Orenburg niedergelassen, der Schnittstelle zwischen orthodoxer und muslimischer Welt, und dort neben dem Hotel auch eine Moschee und eine Medrese erbaut. Die Bolschewiki benennen die Straße später um, nehmen dem Hotel die Türmchen und stocken es auf. Der Bau dient fortan als sowjetische und – bis in die heutige Zeit – als russische Geheimdienstzentrale.

Böhmes ganzes Gepäck besteht aus zwei Handkoffern. In dem größeren bewahrt er zwei weitere Schriftstücke, die er beim Geheimdienst vorzuzeigen hat. Das eine ist die Anklageschrift zur Akte 2778, unterzeichnet am 8. Juni 1935 vom stellvertretenden Chef des Leningrader NKWD, Nikolai Nikolajew. In ihr steht, der Musiklehrer Böhme habe in Leningrad gegen die kommunistische Führung des Landes gehetzt. »In seinen Unterrichtsstunden hat er seine feindliche Haltung zum sowjetischen Staatssystem zum Ausdruck gebracht, scharf den sozialistischen Aufbau kritisiert und so die Studentenschaft gegen die Sowjetmacht aufgebracht.« Am Schluss heißt es, Böhme habe seine Schuld »nicht eingestanden. Aber die Aussagen ehemaliger Schüler haben seine konterrevolutionäre Tätigkeit vollauf bestätigt.«1

Das zweite Papier nennt sich »Protokollauszug der Sonderberatung beim NKWD vom 20. Juni 1935«. Der Text umfasst lediglich drei Zeilen, sie lauten:

Böhme, Oskar Wilgelmowitsch ist wegen der Beteiligung an einer konterrevolutionären Organisation für die Zeit von drei Jahren nach Orenburg zu schicken. Die Frist beginnt am 13.4.1935.2

Am 13. April, einem Sonnabend, war er verhaftet worden. Die Haft zählt also immerhin mit. Es hatte ein paar Verhöre gegeben, eine Gegenüberstellung, dann dieses Urteil, gefällt in seiner Abwesenheit von einem jener vierköpfigen Gremien aus Geheimdienst-, Polizei- und Parteifunktionären, die sich euphemistisch »Sonderberatungen« nennen, in Wahrheit aber Sondergerichte sind und mit einer ordentlichen Gerichtsbarkeit so wenig gemein haben »wie eine Schubkarre mit einem Automobil«,3 wie der russische Schriftsteller und langjährige Gulaghäftling Warlam Schalamow sich dieser »Sonderberatungen« später erinnert.

Der kleinere Koffer, den Böhme bei sich hat, ist eher ein Köfferchen und etwas eigenartig geformt. In ihm befindet sich sein treuester Begleiter, das Instrument, das ihn vor 37 Jahren nach Russland geführt hat. Auf den ersten Blick sieht es aus wie eine versilberte Trompete, gleicht aber eher einem alten deutschen Posthorn, allerdings mit Ventilen. Kenner wüssten sofort, dass es sich um ein Cornet à pistons handelt, ein kleines Ventilhorn. Es wurde 1828 in Frankreich aus einem mit Pumpventilen versehenen Posthorn entwickelt. Die Franzosen setzten es als Erste in ihren Militärkapellen ein. Im Gegensatz zur Trompete erzeugt das Cornet einen weichen, runden Ton. Schon im 19. Jahrhundert gab es zahlreiche Cornetisten, die mit ihrer stupenden Technik und ihren eingängigen Melodien die bürgerliche Musikwelt begeisterten. 1873 feierte Jean-Baptiste Arban, der französische Paganini des Cornets, in Sankt Petersburg triumphale Erfolge. Deutsche Cornetvirtuosen wie Hugo Türpe und Theodor Hoch wurden in den USA geschätzt, wo frühe Jazzmusiker wie Joe »King« Oliver oder Bix Beiderbecke das Instrument ebenfalls spielten, so wie jetzt Louis Armstrong, der neue Star des Jazz.

Oskar Böhme, 1870 in der Nähe von Dresden geboren, hat in Leipzig und Hamburg Musik studiert und wurde bereits mit 19 Jahren bei Konzerten gefeiert. Nach einem Engagement an der Königlichen Oper von Budapest wagt er den großen Sprung in Russlands musikversessene Hauptstadt Sankt Petersburg, wo er seine Karriere fortsetzen will. In Petersburg arbeitet er zunächst als Musiklehrer und Chorleiter, komponiert verschiedene Stücke und nimmt 1901 die russische Staatsbürgerschaft an. Im Jahr darauf erfüllt sich für ihn ein Traum: Er tritt in das Orchester des weltberühmten Marientheaters ein, der großen Petersburger Oper. 20 Jahre spielt er dort, wird während des Krieges Solist und zuvor sogar erblicher Ehrenbürger der Stadt. Dann aber fegen die Revolutionen über Petersburg hinweg, zuerst jene, die den Kaiser stürzt, dann die der Bolschewiki. Böhme bleibt, denn er ist ja nun russischer Untertan. Die politischen Stürme erfassen ihn, doch er bringt nicht die Energie auf, sich zu wehren oder zu flüchten. Eines Tages ist er sowjetischer Staatsbürger, so plötzlich, wie aus dem alten Petersburg zunächst Petrograd und dann Leningrad wurde.

Er schlägt sich wieder als Musiklehrer durch, spielt in einigen der verbliebenen Orchester und will nicht wahrhaben, dass sich am Horizont dunkle Wolken zusammenziehen, dass die Bolschewiki unter Josef Stalin die Bürger Russlands und erst recht Menschen mit nichtrussischen Namen terrorisieren. Petersburg – Petrograd – Leningrad, die Stadt, die er so liebt, die ihm Heimat geworden ist und in der er so wunderschöne Musik geschrieben hat, wird ihm schließlich zur Falle. 1930 verhaften die Kommunisten ihn zum ersten, knapp fünf Jahre später zum zweiten Mal.

Jetzt steht Oskar Böhme auf dem Bahnhofsplatz von Orenburg – ein Aussätziger, ein Verbannter. Glücklicherweise ist es Sommer, die Wärme macht die Ankunft in der Fremde etwas erträglicher. Angenehme 20 Grad sind es heute. Im Juli ist es hier gewöhnlich viel heißer, dann steigt das Thermometer bis auf 40 Grad. Trocken ist es aber schon jetzt, knochentrocken. Der warme Steppenwind wirbelt Staub und Dreck durch die Straßen und treibt die daunenweichen weißen Flocken der Pappeln so lange vor sich her, bis sie in großen Ballen im Rinnstein landen.

Böhme greift seine beiden Koffer. Er will die Stadt erforschen, will ein Gefühl für den Ort seiner Verbannung entwickeln, bevor er sich beim NKWD meldet. Er überquert den Platz und die anschließende Grünanlage, die beide den Kämpfern der Pariser Kommune gewidmet sind, auch in Orenburg hat die Revolution die alten Straßennamen verdrängt. Wo laut Böhmes Reiseführer die Kasaner Kathedrale stehen müsste, trifft die Straße im spitzen Winkel auf die Hauptstraße der Stadt, die Sowjetskaja uliza, die früher nach dem letzten Kaiser Nikolajewskaja hieß. Die Kirche gibt es nicht mehr, wie Böhme bald begreift. Nichts als ein Steinhaufen ist von ihr geblieben, Orenburgs neue Machthaber haben das Gotteshaus vor drei Jahren gesprengt. Ein paar Hundert Meter weiter sind Arbeiter damit beschäftigt, die Himmelfahrtskirche niederzulegen, ebenso das benachbarte Gebäude der Tauschbörse aus dem 18. Jahrhundert. Die Stadt ist überschaubar, sie hat keine 150000 Einwohner. Deswegen sind die Wunden, die ihr jetzt geschlagen werden, schwer zu kaschieren. Die zweigeschossigen alten Kaufmannshäuser mit ihren Blechdächern, den verzierten Fenstergiebeln und den hell gestrichenen Fensterläden sind meist noch da, aber sie stehen jetzt wie Zahnstummel zwischen den in die Häuserzeilen geschlagenen Breschen.

Langsam geht Böhme die Sowjetskaja hinauf. Er trifft auf einige Passanten, Angestellte, die in ihre Behörden eilen. In einem Schaukasten hängt ein Bote die neueste Ausgabe der Lokalzeitung aus. Sie nennt sich Orenburgskaja Kommuna – Orenburger Kommune – und ist, wie im Zeitungskopf verkündet wird, das »Organ des Orenburger Gebietskomitees der Kommunistischen Allunionspartei (Bolschewiki), des Gebietsexekutivkomitees, des Stadtkomitees der Kommunistischen Allunionspartei (Bolschewiki) und des Stadtrates«. Die Pressevielfalt von einst ist längst dahin. Die zweite Zeitung, die es in der Stadt gibt, ist die Bolschewistische Arbeitsschicht, das »Organ des Orenburger Gebiets- und Stadtkomitees des Lenin’schen Kommunistischen Allunions-Jugendverbandes (WLKSM)«.

Die vier Seiten der Orenburger Kommune sind eine einzige Bleiwüste, gedruckt auf miserablem Papier. Auf den Feingeist Böhme, der sich die Welt emotional, bildhaft, intuitiv erschließt, wirkt ihre grammatikalisch verquere Sprache mit den unzähligen Substantiven und Genitivketten wie Folter. Von der beginnenden Erntekampagne wird berichtet, davon, dass sich Orenburg auf den Aufruf der Parteiführung hin zur Teilnahme am unionsweiten Wettbewerb zur Einbringung hochwertigen Getreides und gleichzeitig zur vorzeitigen Planerfüllung verpflichtet habe, aber noch längst nicht alle Mähdrescher einsatzbereit seien. 2,4 Millionen Hektar seien rund um Orenburg bestellt. Im Stadttheater habe es ein Treffen von Kolchosaktivisten gegeben. Berichte aus Moskau feiern die Inbetriebnahme der ersten Metrolinie und die Rede Stalins zu ihrer Eröffnung. Ein Film davon werde demnächst im Orenburger Kino »Oktjabr« – Oktober – zu sehen sein. Was Böhme wirklich interessiert, steht im Kleingedruckten. Er liest, dass das Neujahrsfest und die Neujahrstanne – beides bislang als »religiöser Irrwahn« abgetan – wieder zugelassen werden und dass die Lebensmittelkarten für Brot und Mehl abgeschafft sind. Das ist für ihn, den Verbannten und Arbeitslosen, von geradezu existenzieller Bedeutung. Er ist in Orenburg nicht gemeldet, er hat noch nicht einmal eine Unterkunft. Wie soll er da Lebensmittelkarten bekommen? In den nächsten Monaten, so hat er im Zug von Mitreisenden gehört, könnten auch die Karten für Fleisch, Fisch, Zucker, Fett und Kartoffeln abgeschafft werden.

Böhme wendet sich zum Ural-Fluss, kommt am Dramentheater vorbei – Gogols Revisor geben sie gerade –, dann an der alten Junkerschule, wo Weißgardisten im Bürgerkrieg 1918 über 100 Rotgardisten – den gesamten Stadtrat samt Familien – abgeschlachtet haben. Schließlich steht er am Ufer des Ural, wo einst der Orenburger Gouverneur residierte. Sein Blick wandert hinüber zum dichten Birkenwald am anderen Ufer und dann weit hinein ins kasachische Land. Doch Böhme hält sich nicht lange auf. Er will noch zwei Adressen aufsuchen, wo er Arbeit zu finden hofft: die Musikschule und das größte Filmtheater der Stadt, das »Oktober«. Die Musikschule findet er nicht, aber schräg gegenüber der Himmelfahrtskirche, in der Uliza Sowjetskaja Nr. 36, entdeckt er das Kino, einen dreistöckigen vorrevolutionären Bau. Liebe und Hass steht heute auf dem Programm, ein Drama aus dem Bürgerkrieg, Beginn 7 Uhr abends.4 Ein älteres Plakat preist den Streifen Knjaschna Meri, einen Stummfilm nach Lermontows Kaukasuserzählung Ein Held unserer Zeit. »Der Film wird von einem Symphonieorchester begleitet«, steht auf dem Plakat. Daneben ist ein kleiner Zettel angezweckt: »Das Präsidium des Stadtrates hat der Bitte der Kinovereinigung stattgegeben und ihr das Gebäude der Nikolsker Kirche in der Vorstadt übergeben, das seinerzeit auf Verlangen der Bevölkerung geschlossen worden ist. Dort soll am 1. September ein Tonfilmkino eröffnet werden.«5 Auf Verlangen der Bevölkerung, Böhme schüttelt den Kopf. Wäre es nicht so traurig, würde er laut lachen. Aber dass der Tonfilm sich in Orenburg noch nicht durchgesetzt hat, registriert er mit Erleichterung. Ebendarauf hatte er gehofft. Bekannte in Leningrad hatten ihm den Tipp gegeben, sich in einem Lichtspielhaus eine Stelle als Musiker zu suchen. Sobald er eine Unterkunft hat, wird er zur Kinoleitung gehen.

Es ist inzwischen später Vormittag, die Sonne wärmt immer mehr, Böhme ist jetzt beinahe beschwingt, die bedrückende Stimmung vom Morgen ist leichter Zuversicht gewichen. Warum sollte er sich nicht auch hier als Musiker durchschlagen können? Er hat Erfahrung in der Orchesterleitung, er ist ein anerkannter Solist, in den Musikhandlungen kann man seine Stücke kaufen. Und die Stadt macht einen friedlichen Eindruck, friedlicher jedenfalls als Leningrad, wo seit der Ermordung des Parteichefs Sergei Kirow durch einen mysteriösen Schlossergehilfen im Dezember des vergangenen Jahres eine Welle von Säuberungen und Verhaftungen Unsicherheit und Angst ausgelöst hat und selbst abgebrühte Freunde und Bekannte ihre Nervosität kaum noch verbergen können. Die drei Verbannungsjahre würden schnell vorübergehen. Genau genommen sind es nur noch zwei Jahre und neun Monate, keine Ewigkeit.

Dass sich auch über Orenburg Unheil zusammenbraut, dass die sommerliche Leichtigkeit eine Täuschung ist und es nicht mehr lange dauern wird, bis die russische Revolution weitere Hunderttausende dahinrafft, kann Böhme nicht wissen. Nicht einmal die Mitglieder der Orenburger Gebietsparteiführung, die Chefs des Gebietsexekutivkomitees und die des Stadtrates oder die Funktionäre des örtlichen Komsomol wissen es. In zwei Jahren werden die meisten von ihnen nicht mehr im Amt und auch nicht mehr am Leben sein. Davon, wie viele Verbannte sich bereits in Orenburg befinden, hat Böhme ebenfalls keine Vorstellung. 1927 sind die ersten 160 Ausgesiedelten in der Stadt am Ural eingetroffen,6 jetzt, acht Jahre später, leben hier bereits 7000 Verbannte – mit Familienangehörigen sind das 35000 Menschen.7 Ein paar Wochen vor Böhmes Ankunft wurden 1500 Offiziere und ehemalige zaristische Beamte, »sozial fremde Elemente«, aus Leningrad nach Orenburg geschafft. Böhme wird die Konkurrenz zu spüren bekommen, wenn er auf Zimmersuche geht. Doch vorerst denkt er an Leningrad. Er macht sich Hoffnungen, dorthin zurückzukehren, und sofort wird ihm leichter ums Herz. Was hat diese Stadt, in der die Musik und das Talent der Deutschen einst so geschätzt wurden, ihm nicht alles gegeben. Doch seit Sankt Petersburg zu Leningrad wurde, sind die Tage der deutschen Gemeinschaft dort gezählt. Oskar Böhme weiß das an diesem Tage ebenfalls noch nicht.

Blick von der Wassili-Insel über die Nikolaibrücke auf das Zentrum von Sankt Petersburg (um 1912). Es ist jener Blick, der sich Oskar Böhme bis in die 1920er Jahre hinein bietet, als er auf der 13. Linie der Wassili-Insel wohnt. Fährt er zum Marientheater, muss er mit der Straßenbahn die Nikolaibrücke Richtung Stadt überqueren.

Ach, meine unergründliche Stadt
Warum hast du dich an den Abgrund begeben?
ALEXANDER BLOK

Eine exotische Idee

Zeitlich schien sich für Heinrich Wilhelm Böhme alles glücklich zu fügen. Am 24. Februar 1870 kommt in Potschappel, einem kleinen Ort südwestlich von Dresden, sein dritter Sohn Oskar zur Welt. Nach der Niederkunft unterstützt er seine Frau Juliane Henriette, so gut er kann, im Haushalt, denn der Erstgeborene Max William, Willi genannt, ist erst neun Jahre und der zweite Sohn, Gustav Eugen, gerade 16 Monate alt. Doch schon im Juli zieht Heinrich in den Krieg gegen Frankreich.

Der Anlass des Krieges ist banal. Formal geht es um die spanische Thronfolge, in Wirklichkeit um die Stellung Preußens in Deutschland und Europa. Die Franzosen gewinnen so gut wie keine Schlacht. Weißenburg, Wörth, Spichern, Sedan – alles geht verloren. Die Preußen und ihre Verbündeten, darunter die Sachsen, haben dagegen Grund zum Feiern, und das macht Böhme zu einem viel beschäftigten Mann. Er ist Trompeter und als Mitglied einer Militärkapelle in den Krieg gezogen. Klingendes Spiel ist beim Vormarsch auf Paris sehr gefragt, erst recht der triumphierende Klang der Trompete.

Böhme hat bereits 1866 am Krieg gegen die Österreicher teilgenommen, auch damals als Mitglied einer Militärkapelle. Aber der achtmonatige Frankreichfeldzug ist besonders inspirierend für ihn. Er erhält mehrere militärische Auszeichnungen,8 vor allem aber komponiert er während des Vormarsches eine »Cavallerie-Polka« und die Konzertpolka mit dem Trompetensolo »Gruß ans Herzliebchen«. Sie wird bald in aller Welt gespielt und in Schellack geritzt.

Oskar wird also in eine musikalische Familie hineingeboren. Von den fünf Geschwistern – es kommen noch Georg und Benno hinzu – werden vier Trompeter. Nur Benno schlägt aus der Art und wird Holzbildhauer. So viel Musikalität in einer Familie ist zu jener Zeit nichts Außergewöhnliches, schon gar nicht in Sachsen. Das von König Albert regierte Land ist das Mekka der deutschen Musik. Es gibt dort mehrere große, schon vor Jahrhunderten gegründete Orchester. In Dresden spielt die Staatskapelle, in Leipzig das Gewandhausorchester, im Herzogtum Sachsen-Meiningen die Meininger Hofkapelle. Johann Sebastian Bach, Heinrich Schütz, Carl Maria von Weber, Robert Schumann, Richard Wagner – sie alle kommen aus Sachsen oder haben lange Zeit im sächsischen Königreich gewirkt. In Markneukirchen und Klingenthal befinden sich die bedeutendsten deutschen Produktionsstätten für Musikinstrumente. Auch die sächsische Trompetenkunst steht in hoher Blüte, ihren ersten Höhepunkt hatte sie bereits mit Bachs Ausnahmetrompeter Gottfried Reiche erreicht. Der geniale Wagner liebt das Instrument so sehr, dass im Tannhäuser gleich elf Trompeten den Beginn des Sängerkriegs einleiten. Für die Ring-Aufführungen, die in jenen Monaten beginnen, lässt er sogar eigens Basstrompeten herstellen.

Die Polka, die Vater Böhme während des Krieges komponierte, ist für Kleines Orchester gedacht und das Solo für ein Cornet à pistons. Mit diesem Instrument wachsen seine Kinder auf. In Deutschland wird es oft nur Piston genannt, ist aber nicht mit dem horizontal zu haltenden deutschen Kornett zu verwechseln, sondern eine Kreuzung aus Horn und Trompete. An die Hörner erinnern noch das trichterförmige Mundstück und der stark konische Verlauf von Mundrohr und Schallstück. Das neue Instrument macht den Naturtrompeten mit ihrem markigen Klang in den Symphonieorchestern inzwischen Konkurrenz. Die Trompete bleibt zwar das klassische Orchesterinstrument, auch weil sie zunehmend raffinierter konstruiert wird und man nun sogar Halbtöne auf ihr spielen kann, aber für Soli greifen die Trompeter gern zum farbenreicheren, handlichen Piston. Giuseppe Verdi setzt seit Langem schon Pistons in seinen Opern ein, Peter Tschaikowski nutzt sie in seinen Balletten, und Gustav Mahler wird sich bald von populären Cornetweisen zu dem ausgedehnten Posthornsolo seiner 3. Symphonie inspirieren lassen.

Potschappel ist bei Oskars Geburt eine Landgemeinde mit nicht mehr als 8000 Seelen. In der Umgebung gibt es ein königliches und ein privates Steinkohlenwerk, einen Eisenbahnanschluss und bald auch Fabriken für Porzellan, Möbel sowie künstliche Blumen und eine Schwefelhölzchenfabrik in der Turnerstraße, in der in Haus Nr. 2 die Böhmes leben. Böhme senior arbeitet nach der Rückkehr aus dem Deutsch-Französischen Krieg als Musiklehrer und spielt in der renommierten Knappschaftskapelle9 der privaten Freiherrlich von Burgker Steinkohlenwerke, einer Kapelle, die sogar in Brüssel und Hamburg gefeierte Auftritte hat.10 Die Begeisterung und Begabung für das Trompetenspiel vererbt er seinen Kindern. Oskar Böhme steht schon mit 15 Jahren als Solist auf der Bühne, zuerst in seinem Heimatort Potschappel und bereits vier Jahre später im fernen Helsinki. Als er 22 ist, wird er mit seinem Bruder Willi in Bayreuth bejubelt. »Als dritte Nummer blies Herr Oscar Böhme die ›Fantasie über Schuberts Sehnsuchtswalzer für Cornet à Piston‹ von Strauß. Später trug dieser Herr Stücke gemeinschaftlich mit seinem Bruder Willy Böhme vor«, schreibt das Bayreuther Tageblatt im August 1892 und lobt: »Die künstlerische Begabung des Brüderpaares ist eine ganz bedeutende, die musikalische Ausbildung eine in solcher Virtuosität nicht dagewesene. Beide haben eine ganz vorzügliche, bis ins kleinste saubere Technik, einen unübertrefflichen Ansatz und einen ebenso kräftigen als weichen Ton, und, was uns die Hauptsache zu sein scheint, eine gefühlstiefe Auffassung, die sich mit ihrem technischen Vermögen zu einem wirklich glanzvollen Effekte verbindet, der die Hörer begeistern muß. Es ist in der Tat Gesang, warmer, inniger Gesang, was die Brüder Böhme ihren Instrumenten zu entlocken verstehen.« Die Zeitung schwärmt von einem »wunderbaren, wohl selten vorkommenden Spiel der Natur« – ein erstaunliches Urteil, wenn man bedenkt, dass die Böhmes gar keine professionelle Ausbildung genossen haben. Offenbar hat Vater Heinrich Wilhelm ganze Arbeit geleistet.11

Oskar beginnt mit 26 Jahren, im November 1896, ein Studium am Königlichen Conservatorium der Musik in Leipzig. Schon zuvor nimmt er Unterricht bei drei bekannten Musikern und Komponisten, zunächst bei Professor Cornelius Gurlitt, Königlicher Musikdirektor von Altona und Lehrer am Hamburger Konservatorium, ferner bei Professor Benno Horwitz in Berlin und schließlich bei dem ungarischen Komponisten und Geiger Victor von Herzfeld, einem hochdekorierten Professor an der Königlich-Ungarischen Musikakademie.

Nach Budapest kommt Oskar auf Empfehlung seines Bruders Willi, der schon 1886 an die Ungarische Musikakademie wechselte und dort bald Furore macht. Er spielt an der Oper, die Akademie ernennt ihn später zum Professor des Trompetenkurses. Oskar verbringt die Jahre 1894 bis 1896 mit Willi in Budapest, dann geht er zum Studium nach Leipzig. Auch ihm wird dort eine »sehr gute musikalische Befähigung« attestiert. Salomon Jadassohn, der zu dieser Zeit am Konservatorium Musiktheorie, Klavier und Komposition lehrt, schreibt am 3. Dezember 1897 im Lehrerzeugnis für Oskar Böhme: »Herr B. hat mit großem Fleiße gearbeitet und bei trefflicher Begabung sich vorzügliche Kenntnisse in Harmonie, Contrapunkt, Canon u. Fuge, in Instrumentation u. in den musikalischen Formen erworben, sich auch mit Talent u. Sachkenntniß in Compositionen für Blasinstrumente versucht.«12 Der begabte junge Mann komponiert bereits, auch das hat ihm sein Vater beigebracht. Es entstehen ein »Scherzo f. zwei Trompeten« und ein »Praeludium, Fuge u. Choral f. zwei Trompeten, Horn u. Posaune«. Die Werke werden in Leipzig aufgeführt. Auch Lieder komponiert er, manchmal ganz privat – wie im September 1896 das Lied »Im süßem Zauber«, das er einem »Fräulein Lisbeth Hoffheiser« widmet. Es ist bereits Opus Nr. 16.

1896 geht Böhme auf große Tournee. Als der vornehme Städtische Ausstellungspalast im Großen Garten von Dresden in Betrieb genommen wird, gibt er dort acht Tage lang auf der Musikbühne sein Können zum Besten. Er gastiert in Freiberg, Chemnitz, Zwickau und später weiter im Westen in Regensburg, Köln und Düsseldorf, zudem in Breslau und Königsberg, schließlich lernt er auch Karlsbad und Riga kennen. Und er tritt bei Kurkonzerten in Bad Elster, Bad Harzburg, Baden-Baden, in Wiesbaden und in Danzigs Vorort Zoppot auf, also dort, wo in der Saison großer Bedarf an talentierten Musikern besteht. Es ist die Blütezeit der Salonmusik. Bei den gebildeten Schichten stehen Kurkonzerte hoch im Kurs, und für Musiker sind sie eine willkommene Einkommensquelle.

Auch das Ausland wird Oskar auf seinen Reisen allmählich vertraut. Aber er ist inzwischen 27 Jahre alt, er muss sich Gedanken machen, wie und wo er weiter Musik spielen will. Er liebt es zu komponieren, dafür braucht er Zeit und materielle Sicherheit. Ein renommiertes Haus als künstlerische Heimat wäre die ideale Lösung. Die Idee, auf die er verfällt, klingt vielen exotisch. Er liebäugelt damit, nach Russland zu gehen, wo man Musik über alles schätzt und nach fähigen Musikern Ausschau hält. In Deutschland gibt es infolge der ausgeprägten Kleinstaaterei jede Menge Orchester und damit auch viele Klangkünstler. Da man nicht alle beschäftigen kann, ist der Musikerexport entsprechend rege, Russland und die USA sind die bevorzugten Ziele. Deutsche Trompeter haben besonders gute Chancen, denn sie gelten als führend in der Welt. Oskar Böhmes Aussichten sind also nicht schlecht.

Ganz fremd ist dem jungen Trompeter das Land im Osten nicht. Schon als er 1889 in Finnland gastierte, das seit 1809 als Großfürstentum zum Russischen Reich gehört, hatte er einen Abstecher ins nahe Sankt Petersburg unternommen. Die Stadt mit ihren Prunkbauten, den Palästen, Kanälen und Parks gefiel ihm, die Sprache mit den fremden kyrillischen Buchstaben allerdings weniger. Trotzdem kann er sich vorstellen, in der Metropole an der Newa zu leben, wo es so viele Orchester gibt, so glanzvolle Bühnen und großzügige Mäzene, die Kunst und Kultur fördern. In Deutschland sind seine Aussichten schließlich nicht sehr rosig. Beim Städtischen Orchester in Rostock, an dem sein Bruder Eugen gerade Konzertmeister geworden ist, zahlen sie gerade einmal 95 bis 135 Mark Gage pro Monat, keine Sozialversicherung und keine Altersversorgung. Außerhalb Deutschlands käme als erstes Wien in Frage, aber das ist hoffnungslos überlaufen, und in Budapest lebt bereits sein Bruder Willi. Sicher, in Russland stellt die Sprache eine Schwierigkeit dar, aber Sankt Petersburg scheint im Aufschwung zu sein, und so entscheidet er sich schließlich, dort sein Glück zu versuchen.

Sankt Petersburg ist eine dem Westen zugewandte Stadt, in der seit Peter dem Großen viele Deutsche leben. Die Zaren haben deutsche Leibärzte, von Deutschen lassen sie auch ihre Kinder erziehen, die Bäcker heißen Müller oder Weber, und selbst viele der großen Bürgerhäuser haben Deutsche erbaut. Schon Gogol meinte, die Stadt sei wie ein akkurater Deutscher. Rund 50000 Deutsche leben dort gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Es gibt deutsche Theater, deutsche Gesellschaften, deutsche Kirchen und eine deutsche Gemeinde, die deutschen Zugereisten das Einleben erleichtert. Das Risiko eines Wechsels an die Newa scheint also überschaubar. Und so steigt Oskar Böhme im Winter 1898 in den Zug nach Petersburg. Im Gepäcknetz über ihm liegt sein Cornet.

Von Dresden gelangt man in der Regel über Berlin nach Sankt Petersburg. Man könnte auch über Breslau fahren, aber die Strecke von Berlin mit der preußischen Ostbahn ist die schnellste und die preiswerteste – wenn man nicht gerade den Nordexpress Paris–Sankt Petersburg nimmt, einen Luxuszug, der zweimal pro Woche zwischen den Hauptstädten verkehrt. Mit dem D-Zug 2. Klasse kostet die Fahrt 62 Mark für den deutschen und 14 Rubel für den russischen Teil der Reise, etwas mehr als den Monatslohn eines deutschen Arbeiters.

Böhme nimmt von Dresden aus den Zug nach Berlin und steigt auf dem Schlesischen Bahnhof in den D-Zug Nr. 1, der Berlin morgens um 9.17 Uhr Richtung Osten verlässt. Es ist eine für diese Zeit erstaunlich schnelle Verbindung. Der Zug braucht für die ersten 744 Kilometer bis zur ostpreußischen Grenze nicht viel mehr als 13 Stunden. Um 22.33 Uhr erreicht er Wirballen, die erste Station auf russischer Seite. Hier erfolgt die Zollabfertigung. Böhme steigt aus. Man kann die zwei Stunden im recht vornehmen Bahnhofsrestaurant verbringen, aber die Verpflegung im Zug von Berlin war exzellent, es gab Kalbskoteletts, Beefsteak vom Filet und Omelettes aux confitures, dazu Bordeaux-, Rhein- und Moselweine. So gesättigt lässt sich ein fremdes Land leicht betreten. Er ist nun in Russland, und natürlich ist der Grenzübertritt eine Zäsur in seinem Leben.

Kurz nach Mitternacht, um 0.19 Uhr, geht es weiter Richtung Sankt Petersburg. Böhme muss seine Uhr umstellen, denn in Petersburg, das von Wirballen aus weitere 800 Kilometer nordöstlich liegt, ist die Zeit eine Stunde weiter. Der Mond steht fast direkt über dem Bahnhof, als sich der Zug endlich in Bewegung setzt. Böhme hat einen Platz im Schlafwagen gebucht. Am nächsten Tag um 19.30 Uhr kommt er auf dem Warschauer Bahnhof in Russlands Hauptstadt an.