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Inhaltsverzeichnis
 
 
 

Buch
Evan und Anne sind mit ihrem Motorrad in Tibet unterwegs. Beim Versuch, einem plötzlich auftauchenden Bauern auszuweichen, kommt es zum Unfall... Evan wird am Bein verletzt, und Anne kommt ums Leben. Der tibetische Bauer kümmert sich rührend um das Paar und praktiziert Übergangsrituale für die sterbende Anne. Getragen von ihrem Karma durchlebt sie einzelne Stationen ihres Lebens noch einmal. Beim »Bardo«, dem in der tibetischen Tradition so bezeichneten Zustand zwischen Leben und Tod, wird Anne von dem geheimnisvollen Bauern begleitet und findet ihren Frieden: Vor die Wahl einer Reinkarnation oder das ewige Nirwana gestellt, entscheidet sie sich dafür, wiedergeboren zu werden. Dem Autor gelingt es meisterhaft, die Thematik des Tibetischen Totenbuchs in Romanform zum Leben zu erwecken. Mit dieser mystischen, spannenden Erzählung nimmt uns Portier mit auf eine faszinierende Reise durch Leben und Tod.

Autor
Bruno Portier war als Fotograf zwölf Jahr lang in Asien unterwegs, bevor er Soziologie und Anthropologie studierte und 2001 mit einer Doktorarbeit abschloss. Heute arbeitet er als Regisseur und Drehbuchautor, hauptsächlich für Dokumentarfilme in Asien und Afrika.

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Das Tibetische Totenbuch
Der ursprüngliche Titel des Tibetischen Totenbuchs lautet Bardo Thödol Chenmo oder »Befreiung durch Hören im Bardo«. Der Begriff Bardo bedeutet »Zwischenzustand, Zwischenwelt, Zwischenzeit«. Die Bardos sind jene Phasen der Krise, des tiefen Zweifels, die man im Laufe seines Lebens durchläuft. Sie bieten außergewöhnliche Möglichkeiten zur Bewusstwerdung und zur geistigen Befreiung.
Gemäß den Lehren des tibetischen Buddhismus umfasst ein vollständiger Lebenszyklus zwischen vier und sechs Bardos. Der Tod und die Augenblicke, die ihm vorangehen, enthalten deren drei: den Bardo im Augenblick des Todes, den Bardo der Wirklichkeit, auch als Dharmata bezeichnet, und den Bardo der Wiedergeburt oder des Werdens.
Das Totenbuch gibt Hinweise darauf, was der Verstorbene vom Augenblick seines Todes an bis zu seiner Wiedergeburt erfährt. Um den Ausdruck von Sogyal Rinpoche zu benutzen, handelt es sich hierbei im Grunde um eine Art »Reiseführer«.
Die Beschreibungen im Buch sind von erstaunlicher Genauigkeit. Leider müssen die in den tibetischen Buddhismus nicht eingeweihten Leser gründliche Nachforschungen anstellen, um es zu verstehen, denn sein symbolischer Reichtum ist tatsächlich überwältigend. Für sie empfiehlt es sich, einschlägige Studien anderer Autoren zu lesen, die den tieferen Sinn des Werkes erhellen.
 
Der vorliegende Roman ist aus dem Wunsch entstanden, das Tibetische Totenbuch einem größeren Kreis zugänglich zu machen und bei den Interessierten das Bedürfnis zu wecken, die Übersetzungen des Originaltextes sowie seine Interpretationen zu Rate zu ziehen.
Die verschiedenen Etappen im Totenbuch werden hier so gewissenhaft wie möglich wiedergegeben, um anhand einer Geschichte, die sich in einer dem westli-chen Leser vertrauten Atmosphäre abspielt, die entscheidenden Momente jenes Prozesses nachzuzeichnen.
Besondere Sorgfalt wurde darauf verwandt, den Sinn und die wesentliche Funktion des Totenbuchs zu respektieren: den Verstorbenen zu führen und ihm zur Erleuchtung zu verhelfen, indem er sich vom Samsara – dem Kreislauf von Werden und Vergehen – endgültig befreit, oder ihn zumindest in Richtung eines neuen, bestmöglichen Lebens zu leiten.
Das Totenbuch hebt die Bedeutung unserer Handlungen ebenso hervor wie die Wirkungen, die sie auf unsere Zukunft haben können. Wenn demnach das Karma unsere Leben und unsere Tode positiv oder negativ beeinflusst, dann ist zu keinem Zeitpunkt etwas verloren. Das Totenbuch hält ausdrücklich fest, dass jeder Bardo Möglichkeiten zur geistigen Befreiung bietet. Und selbst wenn sie einem nicht gelingt, kann man seine Wiedergeburten in der Weise vorbereiten, dass sie den günstigsten Verlauf nehmen.
Im Idealfall verinnerlicht man den Inhalt des Buches vor dem Tod, aber es wird auch den Sterbenden und den Verstorbenen vorgelesen, die, ungeachtet ihrer Religion, ihrer Kultur oder ihrer Sprache dessen Sinn verstehen können, sogar auf Tibetisch und mit all seiner buddhistischen Symbolik. Denn gerade in den ersten Tagen nach ihrem Tod sind sie zu außergewöhnlichen Wahrnehmungen fähig. Daher wendet sich das Tibetische Totenbuch an alle Menschen. Es ist ein zutiefst bejahendes Werk, das den Zustand jedes Einzelnen zu verbessern trachtet, in diesem Leben wie im nächsten, ganz gleich, welche Taten er begangen hat.
 
 
 
 
 
Umgeben von Löwenzahnbüscheln sitzt ein Wildkaninchen im gelb gefärbten Gras. Die Ohren zum Himmel gerichtet, dreht es den Kopf, wirft flüchtige Blicke nach rechts, nach links. Hinter ihm entdecken etwa zehn junge Kaninchen die unermessliche Welt ringsum. Sorglos haben sich zwei von ihnen bis hinter die weiße Linie vorgewagt, die das Grün vom Asphalt trennt. Ein Dröhnen erregt die Aufmerksamkeit des ausgewachsenen Tieres, das sich umdreht und in die Weite starrt. Es scheint darüber ebenso wenig erschreckt wie die kleinen Kaninchen, die weiterhin herumtollen. Das dumpfe Geräusch kommt näher, wird schnell lauter und verwandelt sich schließlich in ohrenbetäubenden Lärm. Die kleinen Kaninchen erstarren plötzlich. Ein heftiger Luftzug fegt über ihr rötliches Fell. Einige Meter vor ihnen heben sechs riesige Reifen donnernd vom Rollfeld ab. Aneinandergeschmiegt verfolgen die beiden unvorsichtigen Jungen perplex den Aufstieg des fliegenden Ungeheuers, während die anderen, gleichgültig oder daran gewöhnt, wieder ihren üblichen Aktivitäten nachgehen.

Bardo, der Übergang
Flughafen Pearson in Toronto, Kanada. Auf der großen Anzeigetafel wechseln die Flugnummern und Bestimmungsorte.
Aus den Lautsprechern erschallen die Ansagen. Gepäckwagen, beladen mit allerlei Koffern und Taschen, stoßen gegeneinander. Die Abflughalle wimmelt vor Menschen: Geschäftsleute, Mütter mit Kindern, Rucksackreisende, Rentnergruppen, aufgeregte Jugendliche, Polizisten, Stewardessen. Einige essen, andere trinken, lesen, telefonieren, diskutieren.
Inmitten des Chaos wartet Anne, eine junge Frau von etwa dreißig Jahren, in der Schlange vor dem Abfertigungsschalter 49, Ziel Kalkutta. Sie trägt eine Motorradjacke. Auf dem gekachelten Boden kniend, umgeben von den Beinen anderer Passagiere, kramt sie in ihrem Rucksack. Ein kleiner Leberfleck ziert den rechten Wangenknochen. Ihre Augen sind braun, genauso wie ihr kurzes, sorgfältig geschnittenes Haar.
»Wo hab ich nur diesen verdammten Reisepass hingetan?«
Neben ihr steht ein junger Mann, kaum älter als sie. Auch er trägt Lederkleidung und hat ebenfalls braune, sehr kurze Haare. Es ist Evan, Annes Lebensgefährte. Er lacht.
»Das fängt ja gut an!«
Ein etwa sechzig Jahre altes Ehepaar bleibt ein wenig im Hintergrund: Annes Eltern, Rose und John, der auch mal Jean hieß, als er noch in Frankreich lebte, wo die beiden herkommen.
John hält ein achtzehn Monate altes Mädchen auf dem Arm. Es trägt einen kleinen, leuchtend roten Fahrradhelm mit großen schwarzen Löchern. So ähnelt es einem Marienkäfer. Das ist Lucie, ihre Enkelin, die Tochter ihrer Tochter.
Rose lächelt amüsiert und schaut zu, wie Anne ihren Rucksack auspackt.
»Na bitte, Evan. Sie wollten doch ins Abenteuer aufbrechen. Mit Anne wird es Ihnen daran nicht mangeln!«
»Danke, dass Sie mir Mut machen, Schwiegermama!«
Fieberhaft reißt Anne verschiedene Gegenstände aus ihrem Rucksack und stapelt sie auf dem Boden übereinander. Darunter befinden sich mehrere Fotos. Auf einem posiert sie mit einem eleganten, ungefähr fünfzigjährigen Mann, der die neugeborene Lucie auf dem Arm trägt.
Die Passagiere vor ihnen nehmen die Bordkarten entgegen.
»Danke.«
Die Mitarbeiterin des Bodenpersonals reagiert mit einem freundlichen Lächeln.
»Ich wünsche Ihnen eine gute Reise.«
»Da ist er ja!«, ruft Anne.
Immer noch auf Knien zeigt sie stolz ihren Pass.
»Er war im Reiseführer. Noch mal Glück gehabt.«
Evan ergreift den Pass, dreht sich um und reicht die Papiere der Hostess.
Besorgt beobachtet Rose ihre Tochter dabei, wie sie die Sachen hastig wieder einpackt.
»Hoffentlich habt ihr eure Mittel gegen Malaria mitgenommen. Ich habe keine Lust, euch krank wiederzusehen. Außerdem …«
John unterbricht sie.
»Rose, fang nicht wieder damit an. Sie sind groß genug!«
Anne macht eine nickende Kopfbewegung, verschnürt den Rucksack und richtet sich auf.
»Mama, Evan ist Krankenpfleger, wie du weißt? Und außerdem gibt es im Himalaya keine Malaria.«
»Oh! Das reicht. Regt euch nicht auf. Ich sorge mich ein bisschen, das ist alles. Es ist ganz normal, um die eigenen Kinder besorgt zu sein. Du bist doch auch besorgt, oder?«
John schaltet sich abermals ein.
»Rose, ich habe dich gebeten, damit aufzuhören.«
Anne schleift ihren Rucksack zum Schalter, hebt und wirft ihn achtlos auf das Förderband, um ihn wiegen zu lassen. Die Passagiere dahinter rücken ein paar Schritte vor, treten auf das vergessene Foto mit dem etwa fünfzigjährigen Mann, der Lucie als Säugling auf dem Arm trägt.
»Du hast ja recht, Mama. Aber gerade ich habe gute Gründe, besorgt zu sein, und das weißt du sehr wohl.«
Nervös nimmt sie Lucie aus dem Arm ihres Vaters und drückt der Kleinen einen innigen Kuss auf die Wange.
»Im Übrigen, da wir schon dabei sind, uns gegenseitig zu erinnern: Vergiss nicht, die Schranke oben an der Treppe fest zu verschließen und ihr den Helm aufzusetzen, sobald sie aufsteht, einverstanden?«
John seufzt. Rose verzieht das Gesicht.
»Ja, Anne. Das alles hast du uns schon tausendmal gesagt und außerdem …«
 
Sie zieht ein bedrucktes Blatt aus der Tasche und schwenkt es ironisch vor dem Gesicht ihrer Tochter.
»… hast du es uns aufgeschrieben.«
Anne lässt Lucie in ihren Armen hin und her hüpfen, als hätte sie das Bedürfnis, beruhigt zu werden.
»Ich weiß, aber das hindert dich nicht daran, nur das zu tun, was dir passt.«
Evan, der die Ellbogen auf den Schalter gegenüber der Hostess gestützt hat, unterbricht sie.
»Anne, möchtest du einen Fensterplatz?«
»Ja, gerne.«
Zärtlich wiegt Anne ihre Tochter, die durch die allgemeine Unruhe und Anspannung betrübt dreinschaut.
»Sei nicht traurig, mein Liebling. Auch für mich ist es schwer, weißt du. Aber ich kann dich dorthin nicht mitnehmen. Du bist noch zu klein …«
Lucie starrt sie schielend an, ihr Gesicht an Annes gedrückt.
»... außerdem kommen wir schon bald wieder zurück. Drei Wochen, das ist nicht sehr lang, weißt du. Du wirst sehen, Oma und Opa werden sich gut um dich kümmern. Ihr werdet zusammen wahnsinnig viel Spaß haben …«
Anne drückt ihre Tochter an sich, küsst sie noch einmal und flüstert ihr ins Ohr:
»Ich werde dir ein schönes Geschenk mitbringen.«
Das Mädchen klammert sich an den Hals seiner Mutter. Rose nähert sich den beiden und streichelt zärtlich Lucies Rücken.
»Mach dir keine Sorgen, Anne. Es wird alles gutgehen.«
Anne lächelt ihr mit trauriger Miene zu.
»Ich weiß. Danke. Sofort nach unserer Ankunft ruf ich dich an.«
002
Vier Uhr morgens. Flughafen Kalkutta. Im fahlen Schein der Natriumdampflampen fährt ein roter klappriger Bus mit geöffneten Fenstern über die Piste. Im Innern sitzen und stehen die Passagiere dicht aneinandergedrängt. Hin und her gerüttelt, benommen von der Reise, schwitzen sie. Die Nacht ist noch schwarz und schon feucht.
Im hinteren Teil, eingezwängt zwischen einer indischen Familie und einer kanadischen Rentnergruppe, befinden sich Anne und Evan. Verdutzt schauen sie durch die Seitenfenster. Anne holt tief Luft. Sie versucht einen quälenden Brechreiz loszuwerden, hervorgerufen durch den herben Geruch, der den grau melierten Haaren direkt vor ihrer Nase entströmt.
Der Bus kommt zum Stehen, die Türen öffnen sich. Endlich freigelassen, strömt die Horde schubsend nach draußen und stürzt in eine hell erleuchtete Halle, um nach der Gepäckausgabe zu suchen. Mit einigem Abstand stoßen Anne und Evan zu der Menge, die sich um das leere Gepäckband zusammengedrängt hat. Anne holt ihr Mobiltelefon aus der Handtasche und schaltet es ein. Das Telefon gibt einige Geräusche von sich und geht dann aus.
»Verflixt. Meine Batterie ist leer. Wartest du hier auf mich? Ich werde Mama anrufen, um ihr zu sagen, dass wir gut angekommen sind.«
»Okay.«
Anne verschwindet, während Evan sich durch das Gewirr der Passagiere und vorbei an klapprigen Kofferkulis einen Weg bahnt.
Sie kommt in einen großen Saal mit blassblauen Wänden. Auf dem Marmorboden liegen schlafende Menschen. Die Neonröhren blinken unregelmäßig auf. Ein Wackelkontakt. Von einigen Schnarchern abgesehen, herrscht völlige Stille. Mit einem unbehaglichen Gefühl durchquert Anne die Halle im Zickzack zwischen den Schlafenden und trifft auf eine Reihe hölzerner Telefonkabinen entlang der Wand, die zu den Toiletten führt. Nur in der letzten Kabine befindet sich ein altes Telefon mit Wählscheibe. Anne tritt ein und nimmt den Hörer ab. Kein Ton in der Leitung. Sie legt auf und schaut sich um. Einige Meter weiter erspäht sie eine winzige, kaum sichtbare Öffnung in der Wand: eine Art Telefonierstube. Das Innere ist beleuchtet. Auf dem leeren Arbeitstisch hinter dem Tresen brennt eine Zigarette im Aschenbecher herunter, aber der Raucher ist nicht da. Anne dreht sich um und lässt den Blick schweifen. Alle schlafen, auf nacktem Boden in Stoffe gehüllt, zwischen Leinentaschen eingezwängt, auf Plastiksitzen ausgestreckt. Plötzlich hallt im Saal das Geräusch einer zugeschlagenen Tür wider. Anne zuckt zusammen. Ein junger energischer Inder verlässt die Toilette und schließt seinen Hosenschlitz. Anne eilt ihm entgegen.
»Hallo?!«
Verlegen und hastig steckt der Inder seinen Hemdzipfel in die Hose zurück und geht auf sie zu.
»Ja, Madam.«
»Entschuldigen Sie. Ich suche den Verantwortlichen für diese Telefonierstube.«
Anne deutet auf die Öffnung in der Wand. Der Inder kratzt sich am Hals.
»Das bin ich.«
Er schiebt den Knoten seiner Krawatte nach oben und geht würdevollen Schrittes zu seinem Arbeitsplatz. Anne folgt ihm. Er setzt sich auf seinen Stuhl hinter dem Tisch und greift nach der angezündeten Zigarette.
»Sie wollen telefonieren, Madam?«
Anne nickt amüsiert.
»Äh... ja, ja.«
»Ein Auslandsgespräch?«
»Ja, danke.«
»Hier ist das Telefon. Sie können Ihre Nummer eingeben.«
Aus einer Schublade holt er ein hypermodernes Gerät hervor und stellt es auf den Tresen. Anne nimmt es, tippt die Nummer auf der Tastatur und wartet. Der Telefonist betrachtet sie ungeniert. Ein wenig beschämt lächelt sie ihn flüchtig an. Endlich ertönt das Freizeichen. Anne seufzt erleichtert. Der Telefonist zwinkert ihr verführerisch zu. Anne seufzt erneut, diesmal gereizt. Sie kehrt ihm den Rücken zu. Ein Freizeichen folgt dem anderen. Niemand meldet sich. Im Saal liegen die Körper unbeweglich, wie verlassen. Anne kann sich des Gedankens an ein Leichenschauhaus nicht erwehren. Sie ist in Sorge.
003
Wieder und wieder hupt das Taxi. Der Tag bricht an und durchflutet die Straßen der Stadt mit bläulichem Licht. Vom Boden steigt ein Dunst auf und verleiht der Szenerie etwas Unwirkliches. Entlang der Fahrbahn reihen sich Bretterbuden und wiederverwertete Metallkanister aneinander. Hier und da trocknen Saris in leuchtenden Farben. Halb entkleidete Frauen spülen das Shampoo aus ihren langen schwarzen Haaren. Über kleinen Reisigfeuern dampfen Kochtöpfe. Die noch verschlafenen Kinder gehen ziellos umher und säubern sich mit Stöckchen die Zähne, während die Alten, eingewickelt in schwere braune Decken, sitzen und genüsslich ihren Tee schlürfen. Pkws und Lastwagen fahren im Zickzack, um zu überholen oder den Handkarren, den Rikschas, den Kühen, den Bewohnern des Trottoirs auszuweichen.
Anne und Evan befinden sich auf dem Rücksitz. Sie ist verängstigt. Er versucht sie zu beruhigen.
»Mach dir nicht solche Sorgen. Wir werden beim Motorradverleiher eine Steckdose finden, und du wirst sie anrufen, einverstanden?«
Er drückt zärtlich ihren Oberschenkel.
»Schau aus dem Fenster. Wir sind in Kalkutta. Das ist doch unglaublich, oder?«
Der Chauffeur hupt erneut, um eine Gruppe von Schülern in tadellos gebügelten Anzügen zu warnen, die schreiend am Bordstein entlanglaufen.
»Stell dir vor, gestern waren wir noch auf der anderen Seite der Welt und haben im Restaurant des Krankenhauses eine Fleischpastete gegessen.«
Evan blickt nachdenklich aus dem Fenster.
004
Im kleinen, nur schwach beleuchteten Reisebüro reicht Anne ihr Telefon und ihr Ladegerät dem Besitzer, einem beleibten Herrn mit dunkler Haut, der gemütlich in einem Chefsessel aus den Siebzigerjahren sitzt. Der ohrenbetäubende Lärm von der Straße und des Ventilators über ihren Köpfen zwingt sie dazu, laut zu sprechen.
»Könnte ich bei Ihnen die Batterie meines Telefons aufladen? Ich muss dringend jemanden anrufen.«
Der Besitzer schaut sie an und verzieht das Gesicht.
»Tut mir leid. Wir benutzen keine derartigen Stecker. Sie brauchen einen Adapter.«
»Ah. Könnte ich dann Ihr Telefon benutzen?«
Der Inder verzieht erneut das Gesicht.
»Für ein Ortsgespräch?«
»Nein. Ich muss meine Mutter in Kanada verständigen.«
»Oje! Ich bedaure. Die Verbindung ins Ausland ist blockiert. Das ist nicht möglich.«
Anne wird ungehalten.
»Das darf doch nicht wahr sein!«
»Anne, beruhige dich!«
Evan sitzt am Tisch und betrachtet eine Landkarte des nordöstlichen Indien.
»Wir kaufen irgendwo einen Adapter, dann kannst du telefonieren.«
Anne steht auf, geht einige Schritte und lässt sich auf ein Sofa aus schwarzem Skai fallen, das im hinteren Teil des Raumes steht.
Evan ergreift wieder das Wort.
»Wie viele Tage braucht man bis Gangtok?«
»Schwer zu sagen. Das hängt vom Straßenzustand ab. Der Monsun war sehr heftig letztes Jahr, und gewisse Teilstrecken sind wahrscheinlich noch nicht ausgebessert worden.«
Der Inder setzt eine nachdenkliche Miene auf. Aus der hinteren Hosentasche zieht er ein Taschentuch hervor und wischt sich die vor Schweiß glänzende Stirn ab.
»Hm. Ich würde sagen drei bis vier Tage.«
»Okay. Gibt es auf der ganzen Strecke Zapfsäulen?«
»O nein! Bis Siliguri gibt es welche in regelmäßigen Abständen. Das ist eine vielbefahrene Nationalstraße. Aber dann muss man einen Reservekanister dabeihaben.«
Evan richtet sich auf und streckt sich.
»Gut. Möchtest du noch etwas wissen, Anne?«
Tief im Sofa sitzend, unter einem vergilbten Plakat, das die Touristenattraktionen Bengalens preist, starrt Anne unbeweglich vor sich hin und schüttelt den Kopf. Draußen auf der Straße, hinter der getönten, teilweise abgelösten Plastikfolie des Schaufensters trägt ein etwa zehnjähriges Mädchen einen ausgemergelten Säugling um die Hüfte. Mit der freien Hand klopft es unablässig gegen die Scheibe und führt sie dann zum Mund, um anzudeuten, dass es Hunger hat. Anne kann den Blick nicht von dem Mädchen wenden. Der Besitzer des Reisebüros hat es ebenfalls bemerkt. Er erhebt sich, reißt die Tür auf und gibt ihm mit einigen in Hindi gebrüllten Worten zu verstehen, dass es verschwinden soll. Mit seinem abschließenden »Schttt!« hätte er besser einen Hund verjagt als einen Menschen. Anne geht wortlos an dem Mann vorbei und verlässt das Büro.
»Madam, bitte, geben Sie dem Mädchen nichts.«
Sie überquert rasch die verstopfte Straße, gefolgt von dem Mädchen. Dem lauten Hupkonzert schenkt Anne keinerlei Beachtung. Sie springt auf den gegenüberliegenden Bürgersteig und stürzt in eine Bretterbude, die als öffentliche Telefonierstube dient.
»Kann ich bitte telefonieren?«
Von der hereinstürmenden Frau überrascht, schaltet die Fernsprechvermittlerin eilig das Licht und den Deckenventilator ein, ehe sie den Zähler auf null stellt und Anne den Apparat reicht.
»Bitte.«
Anne wählt die Nummer. Das Freizeichen ertönt, einmal, zweimal, dreimal.
»Hallo.«
Anne erkennt sofort die Stimme ihrer Mutter.
»Mama, wo wart ihr denn?«
»Wo wir waren?«
»Ich hab versucht, dich nach der Ankunft vom Flughafen aus zu erreichen, aber niemand hat sich gemeldet. Ich war außer mir vor Sorge.«
»Hör zu, Anne, das tut mir leid. Sicherlich haben wir gerade im Garten gespielt. Du musst unbedingt wieder lernen, anderen ein wenig Vertrauen zu schenken. Es ist unerträglich, sich derart zu ängstigen.«
Anne seufzt erleichtert auf.
»Ich weiß. Entschuldige.«
»Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Nutz deine Reise, um ein bisschen Ballast abzuwerfen, einverstanden?«
Anne lächelt.
»Einverstanden. Wie geht es Lucie?«
»Prächtig!« antwortet Rose heiter. »Sie liegt im Bett und schläft. Die Kleine ist wirklich zum Piepen. Stell dir vor, heute Nachmittag waren wir im Park und …«
005
Das Zimmer mit einem Blindfenster ist dunkel, die Wandfarbe verblasst, fahl. Oben an einer der Wände hängt eine veraltete Klimaanlage. Das Flügelrad dreht sich ohne Unterlass. Seine Reibung am verrosteten Schutzgitter erzeugt ein regelmäßiges Klappern, das sich mit religiösem Singsang aus einem fernen Radio vermischt. Aus dem Nebenzimmer spricht Anne zu Evan. Ihre Stimme klingt fröhlich.
»Was meinst du, ich werde mein Lederzeug ausziehen. Es ist viel zu warm.«
Unter dem Metallkasten der Klimaanlage fallen vereinzelt Wassertropfen auf die Wand und folgen einer vergilbten Kalkspur. Das Rinnsal sickert wenige Zentimeter neben einer Steckdose vorbei und endet auf einem gräulichen Kopfkissenbezug, wo es einen großen Fleck feucht hält.
»Evan, hörst du mich?«
Auf dem Kissen ruht Evans Kopf. Er schläft. Seine Haare sind durchnässt. Schweiß läuft ihm über Schläfen und Hals. Plötzlich geht im hinteren Teil des Zimmers eine Tür auf. Anne kommt nackt aus dem Badezimmer und frottiert sich mit einem Handtuch die Haare.
»Evan, steh auf! Es ist schon spät.«
Evan murrt und dreht sich zur Seite. Vor dem Spiegel der Kommode betrachtet Anne prüfend ihren Körper und sieht Evan, der ausgestreckt auf dem Laken liegt, ohne sich zu rühren.
»Evan. Schau mich an!«
Sie wirft das Handtuch in die Luft, breitet majestätisch die Arme aus und bietet ihren Körper dem Blick des Gefährten dar. Er bewegt sich nicht. Anne wendet sich brüsk nach ihm um.
»He, mach schon! Wach auf! Seit Monaten nervst du mich damit, die Ferien mit mir allein zu verbringen, und jetzt schläfst du! Sind das etwa die Flitterwochen, die du mir versprochen hast?!«
Mühsam öffnet Evan ein Auge zur Hälfte. Anne macht eine Pirouette, um ihre Anatomie vorteilhaft zu betonen. Evan deutet ein Lächeln an.
»Aber ich werde dich aufwecken. Wirst schon sehn!«
Sie wirft sich schreiend auf ihn.
006
Ein brutaler Fußtritt trifft die abgemagerte Flanke eines streunenden Hundes. Heulend vor Schmerz ergreift das Tier die Flucht. Ein Geschirrtuch auf der Schulter, nimmt der etwa zwölfjährige Kellner mit einem Satz die Stufen, welche die Gasse von dem billigen Esslokal trennen. Anne und Evan haben am Eingang Platz genommen. In ihrer schwarzen Lederkleidung beobachten sie schweigsam, wie der Hund hinkend in der Menge verschwindet. Das Motorrad, eine blitzende Enfield Bullett 500, bepackt mit dem Rucksack, ist direkt unter ihnen geparkt.
Die Hand eines ausgestreckten Arms stellt das Tablett auf dem Tisch ab. Der halbwüchsige Kellner ist äußerst vergnügt. Er hat einen starken Akzent.
»Bon appétit.«