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Inhaltsverzeichnis
 
Widmung
Vorwort
 
Kapitel 1. – Schöpfung
Zwei Schöpfungserzählungen
Schöpfung und Weltbild
Die Stellung des Menschen in der Schöpfung
Schöpfung und Fall
Schöpfung und Weltvollendung
Wissenschaft und Mythos
Schöpfung und Evolution
Das christliche Menschenbild
Das platonische Menschenbild
 
Kapitel 2. – Auszug
Die Erzväter
Auszug und Passah
Mose und der Monotheismus
 
Kapitel 3. – Hiobs Leiden
Die Rahmenerzählung (Hiob 1-2 und 42,10-17)
Der Tun-Ergehen-Zusammenhang
Die Theodizee
 
Kapitel 4. – Die Evangelien
Die Entstehung der Evangelien
Die Zwei-Quellen-Theorie
Die Sturmstillung im synoptischen Vergleich
Vier Evangelien und vier Deutungen Jesu
Deutungen des Todes Jesu
Religiöse Gruppen zur Zeit Jesu
 
Kapitel 5. – Jesus Christus
Der Sohn Gottes
Die Jungfrauengeburt
Der Sohn Davids
Bethlehem
 
Kapitel 6. – Letzte Dinge
Das Reich Gottes
Die Wunder Jesu
Die Gleichnisse
Der Messias
Der Menschensohn
 
Kapitel 7. – Paulus
Von Saulus zu Paulus
Von den Juden zu den Heiden
Unter der Sünde oder in Christus
Paulus und die Frauen
 
Kapitel 8. – Alte Kirche und Mittelalter
Christenverfolgungen
Die konstantinische Wende
Karl der Große
Kirche kontra Kaiser
 
Kapitel 9. – Reformation
Allein aus Gnade
Allein die Schrift
Allein durch den Glauben
95 Thesen über Buße und Ablass
Die wahre Kirche
Die Reichsacht
Luthers Lehre von den zwei Reichen
Der Bauernkrieg
Luther und die Juden
 
Kapitel 10. – Neuzeit
Der Dreißigjährige Krieg
Die Aufklärung
Kirche im Nationalsozialismus
 
Kapitel 11. – Religionskritik
Ludwig Feuerbach
Karl Marx
Friedrich Nietzsche
Sigmund Freud
Albert Camus
 
Kapitel 12. – Weltreligionen
Buddhismus
Judentum
Islam
Die Begegnung der Religionen
 
Kapitel 13. – Ethik
Die religiöse Ethik des Altes Testaments Das Talionsprinzip
Die Zehn Gebote
Die religiöse Ethik des Neuen Testaments
Die Bergpredigt
Auslegungen der Bergpredigt
Die religiöse Ethik Luthers
Die deontologische Ethik
Die utilitaristische Ethik
Die Verantwortungsethik
Gentechnik
Sterbehilfe
 
Kapitel 14. – Spiritualität
Der Sonntag
Die Taufe
Die Konfirmation
Die Trauung
Die Beerdigung
Die Sakramente
Das Kirchenjahr
 
Kapitel 15. – Fünf Grundtexte des Christentums
Die Zehn Gebote
Das Glaubensbekenntnis
Das Vaterunser
Der Taufbefehl
Die Einsetzungsworte zum Abendmahl
 
Kapitel 16. – Das Verhältnis von Glaube und Vernunft
Bibel und neuzeitliches Denken
Glaube und Naturwissenschaft
Glaube und Geschichte
 
Kleines Glossar
Abkürzungen und Zitate
Literatur
Danksagung
Copyright

FÜR UTE, LUISE UND PAULA

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Vorwort
Religion ist spannend. Und macht neugierig.
Ein Beispiel: Eines Morgens sitzt eine Schülerin ohne ihr Buch im Religionsunterricht. Mein pädagogischer Eifer erwacht. »Sie wissen, dass es zu Ihren Aufgaben gehört, das Buch mitzubringen. Wo ist also Ihr Buch?« Doch die Schülerin antwortet nicht mit »Ich hab’s vergessen«, sondern erzählt: »Gestern Abend hat meine Mutter das Religionsbuch aus meiner Schultasche genommen und vor dem Schlafen darin gelesen. Als ich heute Morgen zur Schule musste, hat sie noch geschlafen, aber ich wollte sie nicht wecken. Das Buch liegt auf ihrem Nachttisch.«
Bis vor wenigen Jahren galt der Satz »Ach, Sie sind Christ? Interessant – und was macht man da so?« als Witz. Inzwischen wird die Frage ganz ernsthaft gestellt. Was macht eigentlich ein Christ, wenn es um Kernenergie, Gentechnik oder Sterbehilfe geht? Was glauben und was denken Christen? Das Interesse am christlichen Glauben ist da, aber wen kann man fragen, wenn man etwas nicht versteht?
Die Antworten sind oft zu ausführlich, zu schwierig oder zu abgehoben. Deshalb beschränkt sich dieses Buch auf die wichtigsten Inhalte des Christentums. Ich habe versucht, sie kurz, verständlich und lebensnah zu beschreiben. Dieses Buch setzt keinerlei Vorkenntnisse voraus. Die Lesbarkeit war mir wichtiger als Fremdworte und wissenschaftliche Anmerkungen. Ich habe mich bemüht, die Ergebnisse der theologischen Wissenschaft anschaulich darzustellen und auf das eigene Leben zu beziehen. Und mir war es wichtig, geschichtliche Entwicklungslinien deutlich zu machen, die bis heute unser Denken und Handeln beeinflussen.
So bietet dieses Buch grundlegende Informationen über die Entstehungsbedingungen und die Aussageabsicht des Alten und des Neuen Testaments, über die wichtigsten Weichenstellungen in der Geschichte des Christentums, über ethische Maßstäbe für ein verantwortbares Handeln und über christliche Spiritualität, die unsere Kultur grundlegend prägt.
 
Walsrode, im September 2008
 
 
Matthias Hülsmann

1.
Schöpfung

Zwei Schöpfungserzählungen

Wie viele Menschen hat Gott eigentlich am Anfang erschaffen? Adam und Eva, also zwei. Aber ganz so einfach ist die Sache nicht. Auf den ersten Seiten der Bibel wird erzählt, dass Gott insgesamt vier Menschen erschaffen hat. Hier der Beweis: Im ersten Buch Mose, Kapitel 1, Vers 27 (abgekürzt Gen 1,27) heißt es:
Gott schuf die Menschen nach seinem Bild, als Gottes Ebenbild schuf er sie und schuf sie als Mann und Frau.
Das sind zwei Menschen.
In Gen 2,7 heißt es dann weiter:
Da nahm Gott, der HERR, Staub von der Erde, formte daraus den Menschen und blies ihm den Lebensatem in die Nase. So wurde der Mensch ein lebendes Wesen.
Nun sind es schon drei.
Gen 2,21f. erzählt:
Da versetzte Gott, der HERR, den Menschen in einen tiefen Schlaf, nahm eine seiner Rippen heraus und füllte die Stelle mit Fleisch. Aus der Rippe machte er eine Frau und brachte sie zu dem Menschen.
Jetzt sind es tatsächlich vier.
Hat Gott wirklich vier Menschen geschaffen? Wohl kaum. Wir haben es hier mit zwei Schöpfungserzählungen zu tun. Jede der beiden Erzählungen schildert die Erschaffung von jeweils zwei Menschen – macht zusammen vier. Gen 1,1-2,4 bildet eine Erzählung, und Gen 2,4-25 bildet eine zweite Erzählung.
Für diese Annahme sprechen zwei gewichtige Gründe:
Erstens gibt es ganz offensichtliche Widersprüche zwischen beiden Schöpfungserzählungen. In Gen 1 werden zuerst die Tiere geschaffen und danach der Mensch als Mann und Frau.
In Gen 2 dagegen wird noch vor den Tieren zuerst der Mann geschaffen, erst danach die Tiere. Denn Gott erkennt, dass es nicht gut ist, wenn der Mann allein bleibt. Zu diesem Zweck erschafft Gott die Tiere, doch die können das Einsamkeitsproblem des Mannes nicht lösen. Deshalb erschafft Gott am Schluss die Frau aus der Rippe des Mannes.
Der zweite Grund für die Annahme von zwei Schöpfungserzählungen besteht in der Art und Weise, wie Gott die Welt erschafft. In Gen 2 wird Gott als vielseitig begabter Handwerker dargestellt. Wie ein Töpfer formt er mit seinen Händen aus Erde den Mann; wie ein Gärtner legt Gott einen Garten an; mit dem Mund bläst Gott dem Adam den Lebenshauch ein; wie ein Anästhesist lässt er Adam in einen tiefen Schlaf fallen und wie ein Chirurg entfernt er eine Rippe. Diese Schöpfungserzählung ist so anschaulich erzählt, dass man sie sofort verfilmen könnte. Gott wird hier anthropomorph dargestellt. Das bedeutet, Gott wird in menschlicher Gestalt gezeichnet. Die Menschen übertragen ihre eigenen menschlichen Eigenschaften und handwerklichen Fähigkeiten auf Gott. Diesen Vorgang bezeichnet die Religionswissenschaft als Anthropomorphismus.
Ganz anders in Gen 1. Hier wird Gott nicht dargestellt. Er bleibt unsichtbar und abstrakt. Seine einzige Handlung ist das Sprechen. Und auch dieses Sprechen ist anders als bei Menschen, denn alles, was Gott sagt, tritt sofort ein. Seine Worte werden unmittelbar Wirklichkeit. Hier haben wir es mit einer abstrakten, stark vergeistigten Vorstellung von Gott zu tun.

Schöpfung und Weltbild

Die Ursache für diese unterschiedliche Art der Darstellung in den beiden Schöpfungserzählungen liegt in den unterschiedlichen Weltbildern, die beide Erzählungen prägen. Gen 2 ist aus der Sicht von Nomaden erzählt. Ihr Leben war viele Generationen lang bestimmt von der ständigen Suche nach Weideplätzen mitten in der Steppe. So zogen sie in den kargen Gegenden umher, stets auf der Suche nach Futter für ihr Vieh. Auf diesem Hintergrund muss ihnen das Land Israel mit seinen fruchtbaren Böden und dem Wasser des Jordan wie ein fruchtbarer Garten vorgekommen sein. Abends am Lagerfeuer erzählten sie von Generation zu Generation, wie Gott die Welt erschaffen hat. In dieser Erzählung vom Anfang der Welt ist das Staunen über die Fruchtbarkeit der Erde noch spürbar.
Erst viel später wurde diese Erzählung aufgeschrieben. Das geschah vermutlich zur Zeit von König David um 1000 vor Christus. Er konnte es sich an seinem Hofe leisten, Schreiber zu beschäftigen, die die mündlichen Erzählungen sammelten und den Umgang mit Pergament und Griffel beherrschten.
Der Schreiber von Gen 2 bezeichnet Gott mit dem Namen Jahwe, der in der Übersetzung mit »HERR« wiedergegeben wird. Deshalb wird dieser Verfasser als Jahwist und Gen 2 als jahwistische Schöpfungserzählung bezeichnet.
 
Gen 1 ist fast 500 Jahre später, vermutlich um 586 vor Christus in der babylonischen Gefangenschaft entstanden. Das Volk Israel war von den siegreichen Babyloniern nach Babylon deportiert worden. Hier im Exil wurden sie mit der Schöpfungserzählung der Babylonier konfrontiert.
Die babylonische Schöpfungsgeschichte hat ihren Namen von den ersten beiden Worten, mit denen sie beginnt: Enuma elisch. Der Gott Marduk kämpft gegen die Göttin Tiamat und tötet sie. Er zerhaut sie in zwei Teile und baut aus ihrem Rücken die Erdscheibe und aus ihrem Bauch die Himmelskuppel. Aus dem Blut der Göttin erschafft er die Menschen.
Diese Schöpfungserzählung verunsicherte die Juden im babylonischen Exil. Was sollten sie nun glauben? Deshalb gingen sie zu ihren jüdischen Priestern und fragten sie um Rat. Die Priester stellten fest, dass die alte jahwistische Schöpfungsgeschichte bei dieser neuen Herausforderung nicht helfen konnte. Deshalb reagierten sie auf die babylonische Schöpfungsgeschichte mit einer neuen Erzählung, die der aktuellen Situation besser gewachsen war. Dabei nahmen sie Elemente der babylonischen Schöpfungserzählung auf und veränderten sie so, dass sie ihrem jüdischen Glauben entsprach. Aus dem Kampf der Götter wurde dabei der eine Gott, der ohne jede Kampfanstrengung allein durch sein Wort die Welt erschafft. Durch diese Veränderung bewahrten sie ihren streng monotheistischen Glauben, den Glauben an den einen, allmächtigen Gott. Aus demselben Grund verwandelten sie die Gestirne, die von den Babyloniern als Götter verehrt wurden, in Lampen, die der allmächtige Gott an die Himmelskuppel hängt. Und das weltbedrohliche Chaoswasser, das im babylonischen Schöpfungsmythos von der Göttin Tiamat dargestellt wird, wird nun in der jüdischen Erzählung vom Gott Israels souverän in seine Grenzen gewiesen.
Weil diese Schöpfungserzählung von Priestern verfasst wurde, wird sie als priesterschriftliche Schöpfungserzählung bezeichnet.
Die erstaunlichste Tatsache besteht jedoch darin, dass diese neuere Schöpfungsgeschichte die ältere Schöpfungserzählung aus Gen 2 nicht verdrängt oder abgelöst hat. Stattdessen stellte man sie beide gleichberechtigt nebeneinander. Damit machten die Priester deutlich: Die Weltanschauung mag sich ändern und unsere Welterkenntnis mag zunehmen, die religiöse Aussage bleibt dennoch gleich: Gott selbst erschafft die Welt und gibt dem Menschen seine besondere Stellung.
Beide Schöpfungserzählungen wollen also in erster Linie nicht erzählen, wie Gott die Welt geschaffen hat, sondern wozu er sie geschaffen hat und was der Sinn der Menschen ist.

Die Stellung des Menschen in der Schöpfung

Die beiden Schöpfungserzählungen stimmen darin überein, dass der Mensch eine ganz besondere Stellung in der Schöpfung hat.
In der älteren jahwistischen Erzählung ist die Erschaffung des Menschen Gottes erste Schöpfungstat. Erst danach legt er für diesen Menschen einen Garten mit Pflanzen und Bäumen an. Zugleich bekommt der Mensch den Auftrag, diesen Garten zu pflegen und zu schützen. Als Gott erkennt, dass der Mensch allein nicht leben kann, erschafft er die Tiere, denen der Mensch ihre Namen gibt. Doch auch sie lösen nicht das Problem der menschlichen Einsamkeit. Das wird erst gelöst, indem Gott als letzte Schöpfungstat die Frau aus der Rippe des Mannes erschafft.
Deutlicher kann man die Fürsorge Gottes für den Menschen kaum ausdrücken. Diese jahwistische Schöpfungserzählung lässt keinen Zweifel daran, dass der Mensch das Zentrum der Schöpfung bildet. Gott hat die Welt für ihn erschaffen. Der Mensch darf darin leben, er darf auch von ihr leben, aber er soll für die Bewahrung und Pflege der Schöpfung sorgen.
Die Aussage der priesterschriftlichen Schöpfungsgeschichte ist ganz ähnlich. Sechs Tage lang erschafft Gott die Welt. Er spricht, und es geschieht. Am sechsten Tag erschafft er auf diese Weise die Säugetiere. Doch dann stockt plötzlich die Erzählung, denn Gott beginnt ein Selbstgespräch: Nun wollen wir Menschen machen, ein Abbild, das uns ähnlich ist. Diese Selbstaufforderung gibt es nur hier, bei der Erschaffung des Menschen. Sie macht deutlich, dass jetzt etwas Außergewöhnliches geschieht: Gottes letzte und größte Schöpfungstat. Erst jetzt, nach der Erschaffung des Menschen, gibt er seiner Schöpfung die Bestnote: Es war alles sehr gut.
Das Außergewöhnliche besteht darin, dass Gott den Menschen zu seinem Ebenbild erschafft, und zwar als einziges Lebewesen innerhalb der Schöpfung. Das unterscheidet den Menschen von allen anderen Geschöpfen. Der Mensch als Ebenbild Gottes wird mit einer besonderen Würde und mit einem besonderen Auftrag ausgestattet: Der Mensch darf und soll über alle anderen Lebewesen herrschen. Als Ebenbild repräsentiert er die Hoheit Gottes in der Welt. Diese Form der Stellvertretung geht auf die Sitte orientalischer Großkönige zurück, die in allen Gegenden ihres Herrschaftsgebietes Bilder von sich aufstellen ließen als Zeichen ihrer Gegenwart und Herrschaft. Schließlich konnten sie ja nicht in ihrem ganzen Reich überall gleichzeitig sein. Ähnlich wie diese Standbilder den König repräsentierten, ist der Mensch Ebenbild Gottes und repräsentiert stellvertretend Gottes Herrschaft über die Erde.
Der Mensch hat also einen doppelten Charakter. Einerseits ist er ein Geschöpf wie jedes andere Geschöpf auch. Er ist aus Erde geschaffen. Darin unterscheidet er sich in nichts von den Tieren. Nichts an ihm ist göttlich. Er ist durch und durch Kreatur, geschaffen von Gott; aus Materie, die Gott geschaffen hat. Der Mensch ist ausdrücklich nicht aus Götterblut – also aus göttlicher Substanz – entstanden. Nichts an ihm ist ewig. Deshalb heißt der Mensch auf Hebräisch Adam, denn Gott hat ihn aus »adamah« – das ist das hebräische Wort für »Erde« – geschaffen. Wörtlich übersetzt, müsste Adam also eigentlich »der Erdling« heißen. So steht der Mensch einerseits ganz auf der Seite der Schöpfung und der Kreaturen und ist ein Teil von ihnen.
Andererseits steht der Mensch den Kreaturen gegenüber, weil Gott ihn aus der Schöpfung heraushebt und ihm einen besonderen Auftrag gibt, nämlich die Herrschaft über und die Sorge um die Schöpfung. Seine Vernunft- und Sprachbegabung darf der Mensch gebrauchen, um den Tieren Namen zu geben, um die Kräfte und Energien der Erde zu nutzen und für sich nutzbar zu machen und um die Naturgesetze – zum Beispiel Pflanzen- und Viehzucht – zu erforschen.
Diesen doppelten Charakter des Menschen in der Schöpfung bringt Psalm 8,4-7 folgendermaßen auf den Punkt:
Ich bestaune den Himmel, das Werk deiner Hände, den Mond und die Sterne, die du geschaffen hast: Wie klein ist da der Mensch, wie gering und unbedeutend! Und doch gibst du dich mit ihm ab und kümmerst dich um ihn! Ja, du hast ihm Macht und Würde verliehen; es fehlt nicht viel, und er wäre wie du. Du hast ihn zum Herrscher gemacht über deine Geschöpfe, alles hast du ihm unterstellt.
Der Mensch kann nicht mit einem Satz beschrieben werden; er ist nur in zwei widersprüchlichen Aussagen zu charakterisieren: einerseits klein und unbedeutend, andererseits nur wenig geringer als Gott.
Dieses biblische Menschenbild hat Folgen bis in heutige ethische Entscheidungen hinein.

Schöpfung und Fall

Jeder Mensch weiß, dass die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte. Und jeder weiß, dass auch die Menschen weit hinter dem zurückbleiben, was sie sein könnten. Die Welt ist nicht perfekt. Wie passt diese Erfahrung der Unvollkommenheit zusammen mit der göttlichen Aussage: Es war alles sehr gut?
Der Jahwist versucht diesen Widerspruch zu erhellen durch die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies in Gen 3. Adam und Eva essen trotz des göttlichen Verbotes vom Baum der Erkenntnis. Es folgt die göttliche Strafe: die Scham über die eigene Nacktheit; die Schmerzen bei der Geburt; die Mühsal, durch Arbeit den Lebensunterhalt zu verdienen, und schließlich der Tod. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden. Bis heute sind dies die Grundbedingungen, unter denen wir Menschen leben müssen. Am Ende eines Lebens fällt bei der Beerdigung der Satz: Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staube.
Hinter diesen Geschichten von der Schöpfung und Vertreibung aus dem Paradies steht die theologische Aussage: Auch diese Welt hat einen doppelten Charakter. Sie ist einerseits gute Schöpfung Gottes. Denn alles, was er gut geschaffen hat, ist und bleibt gut. Aber andererseits ist die gesamte Schöpfung gefallen. Sie ist dem Leiden und dem Tod unterworfen. Die Schuld dafür liegt nicht bei Gott. Der Mensch hat dieses Unglück verursacht. Er hat die gute Schöpfung Gottes verdorben.
Der Mensch hat selbst an diesem doppelten Charakter teil. Auch er ist weiterhin gute Schöpfung Gottes, Gottes Ebenbild auf der Erde. Zugleich aber ist er der gefallene Sünder, der seine Mitmenschen und die gesamte Schöpfung immer wieder ins Unglück stürzt. Dass Menschenbrüder sich gegenseitig umbringen, wie die Geschichte von Kain und Abel in Gen 4 erzählt, geschieht täglich tausendfach. Die Nachrichten sind voll davon.

Schöpfung und Weltvollendung

Doch diese Zustandsbeschreibung der Welt ist nicht das letzte Wort, das die Bibel dazu sagt. Die Schöpfung hat noch einen weiteren, dritten Charakter, der jedoch in der Zukunft liegt. Die Schöpfung wird am Ende der Zeiten von Gott wieder in Ordnung gebracht werden. Die Zukunft dieser Welt besteht darin, dass der paradiesische Urzustand des Anfangs wiederhergestellt wird. Der Fachbegriff für diese Lehre von den letzten Dingen lautet »Eschatologie«. Sie befasst sich mit dem Ende dieser Welt und dem Anbruch der neuen, ewigen Welt. Der eschatologische Aspekt ist damit die dritte Sichtweise, unter der man die Schöpfung betrachten kann. Schon das Alte Testament kennt diese Hoffnung auf die Wiederherstellung des sehr guten Anfangs der Welt vor dem Fall. Jesaja 11,6-7 beschreibt diese Zukunftshoffnung:
Da werden die Wölfe bei den Lämmern liegen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen miteinander hüten. Kühe und Bären werden zusammen weiden und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder.
Diese Hoffnung auf Erlösung von Leid, Schmerz und Tod durchzieht auch das gesamte Neue Testament. Paulus beschreibt in Römer 8,18-22 das Seufzen und ängstliche Harren der Kreatur. Die gesamte Schöpfung – nicht nur der Mensch – ist der Angst vor dem Tod unterworfen und wartet auf die Erlösung:
Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.
Eigentlich ist ein Leben in dieser gefallenen Schöpfung unter diesen leidvollen Bedingungen unerträglich. Aber für Paulus wiegt die Hoffnung auf eine leidlose ewige Welt in der Zukunft schwerer als alles Leiden dieser Zeit:
Ich bin überzeugt: Was wir in der gegenwärtigen Zeit noch leiden müssen, fällt überhaupt nicht ins Gewicht im Vergleich mit der Herrlichkeit, die Gott uns zugedacht hat und die er in der Zukunft offenbar machen wird.
Im letzten Buch der Bibel beschreibt der Seher Johannes in Offenbarung 21,1-4 diese Erlösung und Weltvollendung:
Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Der erste Himmel und die erste Erde waren verschwunden und das Meer war nicht mehr da. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Es wird keinen Tod mehr geben und keine Traurigkeit, keine Klage und keine Quälerei mehr. Was einmal war, ist für immer vorbei.
Diese Welt ohne Leid und Tod wird keinen doppelten oder dreifachen Charakter mehr haben, sondern das »sehr gut« vom Anfang der Schöpfung zur endgültigen Vollendung bringen.

Wissenschaft und Mythos

Niemand wird vermutlich auf den Gedanken kommen, die babylonische Schöpfungsgeschichte wörtlich zu nehmen. »In welchem Jahr hat der Gott Marduk die Göttin Tiamat getötet?« – diese Frage ist absurd. Der babylonische Götterkampf ist nicht historisch datierbar, weil er historisch nicht stattgefunden hat. Wir haben es hier nicht mit überprüfbaren Ereignissen im Sinne der Geschichtswissenschaft zu tun, sondern mit einem Mythos.
Ein Mythos ist eine Erzählung, die von Generation zu Generation überliefert wird. Der Mythos erzählt von urzeitlichen Vorgängen und vom Eingreifen übernatürlicher Mächte, um bestimmte weltliche Zustände zu erklären. Es geht um die Deutung der Welt, indem die Entstehung der Welt und des Menschen auf Götter zurückgeführt wird.
Ähnliches gilt für die Urgeschichten in Gen 1-11. Schlangen können nicht sprechen; Obst macht nicht schlau; und Gott hat keine menschlichen Hände, mit denen er aus einer Rippe eine Frau macht. Auch hier haben wir es mit mythologischen Erzählungen zu tun. »Wo liegt das Paradies?« – diese Frage ist nicht zu beantworten. Der geographische Hinweis auf Euphrat und Tigris in Gen 2,14 führt in den heutigen Irak. Aber dort steht kein Engel mit einem flammenden Schwert, um das Tor zum Paradies zu bewachen.
Die Menschen damals deuteten ihre Welt durch Mythen, weil es eine exakte Geschichtswissenschaft noch nicht gab. Trotzdem transportieren diese biblischen Geschichten eine Wahrheit. Sie ist aber kein Polizeiprotokoll über einen Tathergang an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit. Die Geschichtswissenschaft geht von historischen Fakten aus, die man nachprüfen oder mit dem Spaten ausgraben kann. Ihr geht es um genau datierbare, einmalige Ereignisse. Mythen dagegen erzählen Geschichten, die ihrem erzählten Sinn nach bis heute gelten und die immer wieder geschehen.
Auch heute noch erschlägt Kain seinen Menschenbruder Abel, im Kinderzimmer, auf dem Schulhof oder auf dem Schlachtfeld. Bis heute bauen Menschen im übertragenen Sinne Türme bis in den Himmel: Kernforschung und Atomspaltung, Gentechnik und Stammzellforschung, Informationstechnologie und Raumfahrt – der Forscherdrang des Menschen kennt keine Grenzen. Solange es Menschen gibt, werden sie ihren technischen Sachverstand nutzen, um berühmt zu werden und Gott überflüssig zu machen.
Und dennoch: Tag für Tag lebt die Menschheit von Gottes Zusage, die er in Gen 8,22 gibt:
Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.
Und bis zum heutigen Tag erschafft Gott den Menschen. So jedenfalls hat Martin Luther im Kleinen Katechismus die Schöpfungsgeschichte gedeutet, wenn er sagt:
Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen.
Keine Rede von den Eltern, obwohl Luther um deren Notwendigkeit für die Fortpflanzung wusste.

Schöpfung und Evolution

Die Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Mythos kann helfen, das bis heute spannungsreiche Verhältnis zwischen Schöpfung und Evolution zu entflechten.
Charles Darwin gilt als Begründer der Evolutionstheorie. Er stellte die These auf, dass sich alles Leben von einfachen Lebensformen zu immer höheren und komplexeren Lebensformen weiterentwickelt hat, dass also der Mensch im Laufe von Millionen von Jahren aus Primaten hervorgegangen sei. Diese These wird bis heute im Biologieunterricht gelehrt und durch immer neue Erkenntnisse gestützt. Das Erbgut des Menschen und des Schimpansen stimmt zu 98 Prozent überein. Eine Verwandtschaft liegt damit nahe.
Aber von bibeltreuen Christen in Amerika wird heftig gegen diese These gefochten, weil sie den Aussagen der Bibel widerspricht, denn hier wird ausdrücklich geschildert, dass Gott die Welt in sieben Tagen und den Menschen als Krone der Schöpfung geschaffen hat.
Man muss sich die Intention beider Ansätze verdeutlichen, um diese Widersprüche aufzulösen. Die moderne Naturwissenschaft basiert auf einem methodischen Atheismus. Sie versucht, Gesetzmäßigkeiten in der Natur aufzuspüren und eine Begründung zu finden. Diese Gesetze und Abläufe müssen allgemein gelten und wiederholbar sein. Methodischer Atheismus bedeutet, dass die Naturwissenschaft nicht mit einem Eingreifen Gottes rechnen darf. Es gehört zum Wesen eines wissenschaftlichen Experiments, dass es im Labor unter den gleichen Bedingungen mit dem gleichen Ergebnis wiederholt werden kann. Das Glas, das vom Tisch gestoßen wird, fällt immer zu Boden. Sobald Gott in diesem Vorgang eine Bedeutung gewinnen würde, würde der Forscher die Grundlagen und Methoden der Wissenschaft verlassen.
Die Absicht der Schöpfungserzählungen in der Bibel ist eine ganz andere. Sie wollen eine Aussage über den Sinn und den Wert der Welt und des Menschen machen. Die Welt existiert, weil Gott will, dass es die Welt und dass es die Menschen gibt. Gott möchte, dass das Leben der Menschen sich entfalten kann und stellt ihm dafür die Welt wie einen Garten zur Verfügung. Gott möchte, dass der Mensch in Gemeinschaft lebt. Deshalb »teilt« er Adam, entnimmt ihm eine Rippe und baut daraus eine Frau, damit diese beiden Menschen wieder das werden, was sie am Anfang schon waren: ein Fleisch.
Die sieben Tage der Schöpfung liefern keine wissenschaftliche Zeitangabe, sondern machen deutlich, dass Gottes Schöpfungshandeln darin besteht, Ordnung ins Chaos zu bringen. Deshalb teilt Gott den Einheitsbrei des Tohuwabohu ein in Kategorien wie Meer und Land, Licht und Dunkel, Tag und Nacht.
Das Wissen, das die Menschen damals über Naturvorgänge hatten, ist in diese Erzählungen eingegangen, zum Beispiel die Erkenntnis, dass aus den Samen der Früchte wieder neue Pflanzen werden. Die Reihenfolge in der priesterschriftlichen Schöpfungserzählung ist bereits erstaunlich differenziert: Meer und Land, Pflanzen, Fische und Vögel, Säugetiere und zuletzt der Mensch.
Besonders auffällig ist die Tatsache, dass Gott erst am vierten Tag Sonne, Mond und Sterne erschafft. Der Grund dafür liegt vermutlich darin, dass die Menschen auf keinen Fall auf den Gedanken kommen sollten, die Gestirne seien göttlich und müssten deshalb als Götter verehrt werden, so wie es in Babylon damals üblich war.
Noch auffälliger ist die Tatsache, dass Gott bereits am ersten Tag das Licht erschafft. Wo kommt dieses Licht eigentlich her, wenn Gott die Sonne erst drei Tage später erschafft? Oder müssen wir mit unserem heutigen naturwissenschaftlichen Wissen vielleicht angemessener übersetzen: »Und Gott sprach: Es werde Energie«?
Die Tatsache, dass in der Bibel zwei Schöpfungserzählungen nebeneinander stehen, die sich in vielen Teilen widersprechen, ist für ihre Interpretation sehr wichtig.
Zum ersten wird deutlich, dass es den Verfassern damals nicht darum ging, wer denn nun wissenschaftlich betrachtet Recht hat, denn dann wäre die »falsche« Schöpfungserzählung sicherlich entfernt worden.
Zum zweiten steckt hinter diesem toleranten Nebeneinander die Weisheit, dass unsere Erkenntnis der Welt zwar fortschreitet und unser Wissen veraltet, dass aber die Frage des Menschen nach dem Sinn und Wert seines Daseins weiter bestehen bleibt.
Und zum dritten eröffnet dieses Nebeneinander von jahwistischer und priesterschriftlicher Schöpfungsgeschichte für uns die Möglichkeit, unter den heutigen weltanschaulichen Bedingungen eine neue Schöpfungsgeschichte zu formulieren, die den aktuellen naturwissenschaftlichen Herausforderungen gewachsen ist. Sie müsste Urknall, Quantenphysik und Evolutionstheorie mit dem Glauben an den allmächtigen Schöpfer verbinden, der in allem handelt.
Dann sind Schöpfung und Evolution keine Widersprüche mehr, sondern Deutungen der Spuren Gottes in unserer Welt mit den uns zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Erkenntnissen. Der Mensch ist das aus Sternenstaub geschaffene Lebewesen, das im Gegensatz zu allen anderen Kreaturen zu Bewusstsein gelangt ist und sich selbst denken kann. Und nicht nur das. Er kann sogar über sich selbst hinaus denken – er kann Gott denken! Der Mensch ist gottgewollter Sternenstaub, in dem der Schöpfer des Kosmos sich selbst bewusst wird. In uns Menschen denkt Gott sich selbst.
Und schließlich kann das Nebeneinander der beiden biblischen Schöpfungserzählungen uns gelassener machen. Auch unser heutiges naturwissenschaftliches Wissen wird in tausend Jahren wieder zu großen Teilen veraltet sein. Dann wird es wieder Zeit, eine neue Schöpfungserzählung zu formulieren, die vom guten Anfang der Welt erzählt und von Gottes Fürsorge für den Menschen.

Das christliche Menschenbild

Das christliche Menschenbild stimmt in vielen Punkten mit dem jüdischen überein, denn es basiert ebenfalls auf dem Alten Testament, der Heiligen Schrift der Juden.
Jeder Mensch hat sein Leben von Gott geschenkt bekommen und es passiv empfangen.