Victor Hugo

Lucretia Borgia 

(Vollständige deutsche Ausgabe)

Übersetzer: Georg Büchner

e-artnow, 2013
ISBN 978-80-7484-181-1

Editorische Notiz:
Dieses eBuch folgt dem Originaltext.

Inhaltsverzeichnis


Personen

Erste Handlung
Erste Abteilung
Erste Szene
Zweite Szene
Dritte Szene
Vierte Szene
Fünfte Szene
Zweite Abteilung
Erste Szene
Zweite Szene
Dritte Szene

Zweite Handlung
Erste Abteilung
Erste Szene
Zweite Szene
Dritte Szene
Vierte Szene
Fünfte Szene
Sechste Szene
Zweite Abteilung
Erste Szene
Zweite Szene

Dritte Handlung
Erste Szene
Zweite Szene
Dritte Szene

Dritte Handlung

Betrunken – Tot

Inhaltsverzeichnis

Donna Lucretia Borgia – Gennaro – Gubetta – Jeppo Liveretto –Ascanio Petrucci – Maffio Orsini – Don Apostolo Gazel a – Oloferno Vitel ozzo – Die Fürstin Negroni

Ein prächtiger Saal des Palastes Negroni. Zur Rechten eine blinde Türe. Im Hintergrund eine große und sehr breite Flügeltüre. In der Mitte eine im Geschmack des 15. Jahrhunderts prächtig besetzte Tafel.

Kleine, schwarze in Goldbrokat gekleidete Sklaven warten auf. – Im Augenblick, wo der Vorhang aufgeht, sitzen vierzehn Gäste an der Tafel, Jeppo, Maffio, Ascanio, Oloferno, Apostolo, Gennaro, Gubetta und sieben hübsche, sehr elegant gekleidete Damen. Alle, Gennaro ausgenommen, der nachdenkend und schweigend aussieht, essen und trinken, oder lachen aus vol em Halse mit ihren Nachbarinnen.


Erste Szene

Inhaltsverzeichnis

Jeppo, Maffio, Ascanio, Oloferno, Don Apostolo, Gubetta, Gennaro, Damen, Pagen Oloferno sein Glas in der Hand: Es lebe der Wein von Xeres! Xeres de la Frontera ist eine Stadt des Paradieses.

Maffio sein Glas in dar Hand: Der Wein, den wir trinken, ist mehr wert, als die Geschichten, welche du uns erzählst, Jeppo.

Ascanio Jeppo hat die Krankheit, Geschichten zu erzählen, wenn er getrunken hat.

Apostolo Ein ander Mal war es zu Venedig bei dem hohen Dogen Barbarigo; heute ist es zu Ferrara bei der göttlichen Fürstin Negroni.

Jeppo Ein ander Mal war es eine schauerliche, heute ist es eine lustige Geschichte.

Maffio Eine lustige Geschichte, Jeppo! Wie es kam, daß Don Siliceo, ein schöner Kavalier von dreißig Jahren, der sein Erbteil im Spiel verloren hatte, die reiche Marquise Calpurnia heiratete, die achtundvierzig Frühlinge zählte. Bei dem Leibe des Bachus, du findest das lustig!

Gubetta Das ist traurig und gewöhnlich. Ein ruinierter Mann heiratet eine Ruine von einem Weibe. Das sieht man al e Tage. Er fängt an zu essen.

Von Zeit zu Zeit stehen einige von der Tafel auf und plaudern auf dem Vordergrund der Bühne, während das Gelage fortdauert.

Negroni zu Maffio, indem sie auf Gennaro deutet: Herr Graf Orsini, Ihr habt da einen Freund, der sehr traurig aussieht Maffio Er ist immer so, Donna. Ihr müßt mir verzeihen, daß ich ihn hierher brachte, obgleich Ihr ihm die Gnade einer Einladung nicht erwiesen hattet. Er ist mein Waffenbruder. Er hat mir das Leben bei dem Sturm von Rimini gerettet. Ich habe bei dem Angriff auf die Brücke von Vicenzia einen Degenstich erhalten, der ihm galt. Wir trennen uns nie; wir leben zusammen. Ein Zigeuner hat uns vorausgesagt, daß wir am nämlichen Tage sterben würden.

Negroni lacht: Hat er Euch auch gesagt, ob das am Morgen oder am Abend geschehen würde?

Maffio Er sagte uns, es würde am Morgen geschehen.

Negroni lacht stärker: Euer Zigeuner wußte nicht, was er sagte. – Und liebt Ihr den jungen Menschen sehr?

Maffio So sehr, als ein Mann den ändern lieben kann.

Negroni Nun! Ihr genügt euch einander. Ihr seid glücklich.

Maffio Die Freundschaft fül t nicht al ein das Herz aus, Donna.

Negroni Mein Gott, was denn?

Maffio Die Liebe.

Negroni Ihr habt immer die Liebe auf den Lippen.

Maffio Und Ihr die Liebe in den Augen.

Negroni Ihr seid sehr sonderbar!

Maffio Und Ihr sehr schön! Er faßt sie um die Hüfte.

Negroni Herr Graf Orsini, laßt mich!

Maffio Einen Kuß auf Eure Hand?

Negroni Nein! Sie entwischt ihm.

Gubetta nähert sich Maffio: Eure Sachen stehen gut bei der Fürstin.

Maffio Sie sagt immer: Nein, zu mir.

Gubetta In dem Munde eines Weibes ist das Nein der ältere Bruder des Ja.

Jeppo gesel t sich zu ihnen, zu Maffio: Wie findest du die Fürstin Negroni?

Maffio Anbetungswürdig. Unter uns, sie fängt an, mir ganz verzweifelt am Herzen zu nagen.

Jeppo Und ihr Gastmahl?

Maffio Eine vol ständige Orgie.

Jeppo Die Fürstin ist Witwe.

Maffio Man sieht es an ihrer Munterkeit.

Jeppo Ich hoffe, du hast keinen Argwohn mehr gegen ihr Gastmahl?

Maffio Ich! Wie sol t ich! Ich war ein Narr.

Jeppo zu Gubetta: Herr von Belverana, Ihr würdet nicht glauben, daß Maffio sich scheute, zum Essen der Fürstin zu kommen?

Gubetta Scheute? Warum?

Jeppo Weil der Palast Negroni an den Palast Borgia stößt.

Gubetta Zum Teufel mit der Borgia! – Trinken wir!

Jeppo leise zu Maffio: Was mir an dem Belverana gefäl t, ist daß er die Borgia nicht leiden kann.

Maffio leise: In der Tat, er läßt keine Gelegenheit vorbei, ohne sie mit einer ganz besondern Grazie zum Teufel zu schicken. Dennoch, mein lieber Jeppo …

Jeppo Nun!

Maffio Ich beobachte seit dem Anfang des Gastmahls diesen sogenannten Spanier. Er hat bis jetzt nichts als Wasser getrunken.

Jeppo Da kommt ja dein Verdacht wieder, mein guter Freund Maffio! Der Wein macht dich sonderbar monoton.

Maffio Viel eicht hast du recht. Ich bin ein Narr.

Gubetta kommt zurück und betrachtet Maffio von Kopf bis zu Füßen: Wißt Ihr auch, Herr Maffio, daß Ihr für ein Leben von neunzig Jahren gebaut seid und daß Ihr meinem Großvater gleicht, der dies Alter erlebte und wie ich Gil-Basilio-Fernan-Frenco-Felipe-Frasco-Fiasquito Graf von Belverana hieß?

Jeppo leise zu Maffio: Ich hoffe, du zweifelst jetzt nicht mehr an seiner spanischen Race. Er hat wenigstens zwanzig Taufnamen. – Welche Litanei, Herr Belverana!

Gubetta Ach unsre Eltern sind gewöhnt, uns mehr Namen bei der Taufe, als Taler bei der Hochzeit zu geben. Aber was haben sie denn da unten zu lachen? Bei Seite: Die Weiber müssen doch einen Vorwand zum Weggehen haben. Was tun? Er geht zurück und setzt sich an die Tafel.

Oloferno trinkt: Beim Herkules, meine Herren, ich habe nie einen herrlichern Abend verlebt! Meine Damen, versucht diesen Wein. Er ist süßer, als Lacrimae Christi, und glühender, als der Wein von Cypern.

Das ist Syrakusaner meine Herren!

Gubetta ißt: Oloferno ist betrunken, wie es scheint.

Oloferno Meine Damen, ich muß Euch einige Verse hersagen, die ich eben gemacht habe. Ich möchte ein besserer Dichter sein, als ich bin, um so bewundernswürdige Frauen zu feiern.

Gubetta Und ich möchte reicher sein, als ich bin, um meinen Freunden solche Weiber zu geben.

Oloferno Nichts ist süßer, als eine schöne Dame und ein gutes Essen zu besingen.

Gubetta Als, die Eine zu umarmen und das Andre zu essen.

Oloferno Ja ich möchte Dichter sein. Ich möchte mich in den Himmel stürzen können. Ich wol te, ich hätte zwei Flügel…

Gubetta Von einem Fasan auf meinem Tel er.

Oloferno Ich wil Euch aber doch mein Sonett hersagen.

Gubetta Beim Teufe], Herr Marquis Oloferno Vitel ozzo! Ich erlaube Euch, uns Euer Sonett nicht herzusagen. Wir wol en trinken!

Oloferno Ihr erlaubt mir, mein Sonett nicht herzusagen?

Gubetta Wie ich den Hunden erlaube, mich nicht zu beißen, dem Papst, mich nicht zu segnen, und den Vorübergehenden, mir keine Steine in die Rippen zu werfen.

Oloferno Teufel! Ihr beleidigt mich! Ihr Männlein von einem Spanier.

Gubetta Ich beleidige Euch nicht, großer Koloß von einem Italiener. Ich entziehe Eurem Sonett meine Aufmerksamkeit; nichts weiter. Mein Gaumen dürstet mehr nach Cypernwein, als meine Ohren nach Poesie.

Oloferno Ich wil Euch Eure Ohren an die Fersen nageln, mein schäbiger Herr Castilier!

Gubetta Ihr seid ein abgeschmackter Schlingel! Pfui! Sah man jemals so einen Tölpel? Sich mit Syrakusaner zu berauschen und auszusehen, als hätte man sich an Bier besoffen!

Oloferno Wißt Ihr auch, daß ich Euch in vier Stücke hauen werde, beim Teufel!

Gubetta während er einen Fasan zerlegt: Das sage ich von Euch, ich zerlege nicht so gemeines Geflügel. – Meine Damen, darf ich Euch von diesem Fasan anbieten?

Oloferno wirft sich auf ein Messer: Bei Gott, ich wil Buben die Gedärme herausreißen, und wäre er ein besserer Edelmann, als der Kaiser!

Die Damen erheben sich: Himmel! sie werden sich schlagen!

Die Männer Ruhig, Oloferno!

Sie entwaffnen Oloferno, der sich auf Gubetta werfen wil , unterdessen entfernen sich die Damen durch die Seitentüre.

Oloferno sich wehrend: Beim Teufel!

Gubetta Ihr reimt so reichlich auf Teufel, mein lieber Dichter, daß Ihr diese Damen in die Flucht gejagt habt. Ihr seid sehr empfindlich und sehr ungeschickt.

Jeppo Das ist wahr. Wo zum Henker sind sie hingekommen?

Maffio Sie hatten Furcht. Beim Messerziehen die Weiber fliehen.

Ascanio Doch sie werden wieder kommen.

Oloferno indem er Gubetta droht: Ich werde dich morgen finden, mein kleiner Teufel Belverana.

Gubetta Morgen, sobald es Euch beliebt!

Oloferno setzt sich wankend und verdrießlich nieder.

Gubetta bricht in Luchen aus: Der Schwachkopf! Die schönsten Weiber aus Ferrara mit einer Messerklinge im Stiel eines Sonetts in die Flucht zu jagen! Sich über Verse zu ärgern! Ich glaube wohl, daß er Flügel hat.

Das ist kein Mensch, das ist ein Vogel. Das setzt sich auf die Stange, das muß auf einer Klaue schlafen. Das Oloferno da!

Jeppo Macht Friede, Ihr Herren! Morgen, morgen könnt Ihr Euch in al er Höflichkeit die Kehlen abschneiden. Beim Jupiter, Ihr werdet Euch wenigstens wie Edel eute mit dem Degen und nicht mit wenigstens wie Edel eute mit dem Degen und nicht mit Messern schlagen.

Ascanio Da fäl t mir bei, was haben wir mit unsern Degen gemacht?

Apostolo Ihr vergeßt, daß man sie uns im Vorzimmer ablegen ließ.

Gubetta Und die Vorsicht war nötig, sonst hätten wir uns vor den Damen geschlagen. Ein von Taback berauschter Flamländer würde davor errötet sein.

Gennaro Eine gute Vorsicht, in der Tat.

Maffio Bei Gott, mein Bruder Gennaro, das ist das erste Wort, was du seit dem Anfang des Gastmahls sprichst; auch trinkst du nicht. Träumst du von Lucretia Borgia? Gennaro! Du hast offenbar so was von einer Liebschaft mit ihr! Sage nicht: nein!

Gennaro Gib mir zu trinken, Maffio! Ich lasse meine Freunde so wenig bei Tische, als im Feuer im Stich.

Ein schwarzer Page zwei Flaschen in der Hand: Meine Herren, Wein von Cypern oder von Syrakus?

Maffio Syrakusaner, der ist besser.

Der Page fül t al e Gläser.

Jeppo Hole die Pest den Oloferno! Werden die Damen nicht zurückkommen? Er geht nach einander an die beiden Türen. Die Türen sind von Außen verschlossen, meine Herren

Maffio Fange jetzt nicht an, deinerseits Furcht zu haben, Jeppo! Sie wol en, daß wir sie nicht verfolgen. Das ist ganz einfach.

Gennaro Trinken wir, meine Herren!

Sie stoßen mit ihren Gläsern an.

MaffioAuf deine Gesundheit, Gennaro! Mögest du deine Mutter bald wieder finden!

Gennaro Möge Gott dich erhören!

Alle trinken, Gubetta ausgenommen, der seinen Wein über die Schulter schüttet, Maffio leise zu Jeppo: Jetzt, Jeppo, hab’ ich es deutlich gesehen.

Jeppo leise: Was?

Maffio Der Spanier hat nicht getrunken.

Jeppo Nun?