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Annette von Droste-Hülshoff gehört bis heute zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Dichterinnen. Ihre Werke sind von einer schillernden Bildhaftigkeit und großer Ausdrucksstärke. Die vorliegende Auswahl präsentiert die schönsten und bedeutendsten Gedichte aus dem Werk der »größten Dichterin Deutschlands« (Ricarda Huch).

 

Annette von Droste-Hülshoff wurde am 10. Januar 1797 auf Schloß Hülshoff bei Münster geboren. Sie stand in engem Kontakt zu den großen Literaten und Intellektuellen ihrer Zeit wie Johanna und Adele Schopenhauer, August Wilhelm Schlegel oder den Brüdern Grimm. Die Dichterin schuf mit Balladen wie Der Knabe im Moor oder ihrer Novelle Die Judenbuche Meisterwerke der deutschen Literatur. Sie starb am 24. Mai 1848 auf Schloß Meersburg am Bodensee.

 

 

ANNETTE VON

DROSTE-HÜLSHOFF

Die schönsten Gedichte

Ausgewählt von Werner Fritsch

Insel Verlag

 

 

eBook Insel Verlag Berlin 2012

© Insel Verlag Berlin 2012

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Umschlag: bürosüd

Umschlagfoto: Bridge/mauritius images

Satz: Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn

 

eISBN 978-3-458-77590-4

www.insel-verlag.de

Die schönsten Gedichte

 

Vor vierzig Jahren

Da gab es doch ein Sehnen,

Ein Hoffen und ein Glühn,

Als noch der Mond »durch Tränen

In Fliederlauben« schien,

Als man dem »milden Sterne«

Gesellte, was da lieb,

Und »Lieder in die Ferne«

Auf sieben Meilen schrieb!

Ob dürftig das Erkennen,

Der Dichtung Flamme schwach,

Nur tief und tiefer brennen

Verdeckte Gluten nach.

Da lachte nicht der leere,

Der übersatte Spott,

Man baute die Altäre

Dem unbekannten Gott.

Und drüber man den Brodem

Des liebsten Weihrauchs trug,

Lebend'gen Herzens Odem,

Das frisch und kräftig schlug,

Das schamhaft, wie im Tode,

In Traumes Wundersarg

Noch der Begeistrung Ode,

Der Lieb' Ekloge barg.

Wir höhnen oft und lachen

Der kaum vergangnen Zeit,

Und in der Wüste machen

Wie Strauße wir uns breit.

Ist Wissen denn Besitzen?

Ist denn Genießen Glück?

Auch Eises Gletscher blitzen

Und Basiliskenblick.

Ihr Greise, die gesunken

Wie Kinder in die Gruft,

Im letzten Hauche trunken

Von Lieb' und Ätherduft,

Ihr habt am Lebensbaume

Die reinste Frucht gepflegt,

In karger Spannen Raume

Ein Eden euch gehegt.

Nun aber sind die Zeiten,

Die überwerten, da,

Wo offen alle Weiten

Und jede Ferne nah.

Wir wühlen in den Schätzen,

Wir schmettern in den Kampf,

Windsbräuten gleich versetzen

Uns Geistesflug und Dampf.

Mit unsres Spottes Gerten

Zerhaun wir, was nicht Stahl,

Und wie Morganas Gärten

Zerrinnt das Ideal;

Was wir daheim gelassen,

Das wird uns arm und klein;

Was Fremdes wir erfassen,

Wird in der Hand zu Stein.

Es wogt von End' zu Ende,

Es grüßt im Fluge her,

Wir reichen unsre Hände,

– Sie bleiben kalt und leer. –

Nichts liebend, achtend Wen'ge,

Wird Herz und Wange bleich,

Und bettelhafte Kön'ge

Stehn wir im Steppenreich.

Die Lerche

Hörst du der Nacht gespornten Wächter nicht?

Sein Schrei verzittert mit dem Dämmerlicht,

Und schlummertrunken hebt aus Purpurdecken

Ihr Haupt die Sonne; in das Ätherbecken

Taucht sie die Stirn; man sieht es nicht genau,

Ob Licht sie zünde, oder trink' im Blau.

Glührote Pfeile zucken auf und nieder

Und wecken Taues Blitze, wenn im Flug

Sie streifen durch der Heide braunen Zug.

Da schüttelt auch die Lerche ihr Gefieder,

Des Tages Herold seine Liverei;

Ihr Köpfchen streckt sie aus dem Ginster scheu,

Blinzt nun mit diesem, nun mit jenem Aug';

Dann leise schwankt, es spaltet sich der Strauch,

Und wirbelnd des Mandates erste Note

Schießt in das feuchte Blau des Tages Bote.

»Auf! auf! die junge Fürstin ist erwacht!

Schlaftrunkne Kämm'rer, habt des Amtes acht;

Du mit dem Saphirbecken Genziane,

Zwergweide du mit deiner Seidenfahne,

Das Amt, das Amt, ihr Blumen allzumal,

Die Fürstin wacht, bald tritt sie in den Saal!«

Da regen tausend Wimpern sich zugleich,

Maßliebchen hält das klare Auge offen,

Die Wasserlilie sieht ein wenig bleich,

Erschrocken, daß im Bade sie betroffen;

Wie steht der Zitterhalm verschämt und zage!

Die kleine Weide pudert sich geschwind

Und reicht dem West ihr Seidentüchlein lind,

Daß zu der Hoheit Händen er es trage.

Ehrfürchtig beut den tauigen Pokal

Das Genzian, und nieder langt der Strahl;

Prinz von Geblüte, hat die erste Stätte

Er, immer dienend an der Fürstin Bette.

Der Purpur lischt gemach im Rosenlicht,

Am Horizont ein zuckend Leuchten bricht

Des Vorhangs Falten, und aufs neue singt

Die Lerche, daß es durch den Äther klingt:

»Die Fürstin kömmt, die Fürstin steht am Tor!

Frischauf, ihr Musikanten in den Hallen,

Laßt euer zartes Saitenspiel erschallen,

Und, florbeflügelt Volk, hebt an den Chor.

Die Fürstin kommt, die Fürstin steht am Tor!«

Da krimmelt, wimmelt es im Heidgezweige,

Die Grille dreht geschwind das Beinchen um,

Streicht an des Taues Kolophonium

Und spielt so schäferlich die Liebesgeige.

Ein tüchtiger Hornist, der Käfer, schnurrt,

Die Mücke schleift behend die Silberschwingen,

Daß heller der Triangel möge klingen;

Diskant und auch Tenor die Fliege surrt;

Und, immer mehrend ihren werten Gurt,

Die reiche Katze um des Leibes Mitten,

Ist als Bassist die Biene eingeschritten;

Schwerfällig hockend in der Blüte rummeln

Das Kontraviolon die trägen Hummeln. –

So tausendarmig ward noch nie gebaut

Des Münsters Halle, wie im Heidekraut

Gewölbe an Gewölben sich erschließen,

Gleich Labyrinthen ineinander schießen;

So tausendstimmig stieg noch nie ein Chor,

Wie's musiziert aus grünem Heid hervor.

Jetzt sitzt die Königin auf ihrem Throne,

Die Silberwolke Teppich ihrem Fuß,

Am Haupte flammt und quillt die Strahlenkrone,

Und lauter, lauter schallt des Herolds Gruß:

»Bergleute auf! Heraus aus eurem Schacht

Bringt eure Schätze, und du Fabrikant,

Breit' vor der Fürstin des Gewandes Pracht,

Kaufherrn, enthüllt den Saphir, den Demant!«

Schau, wie es wimmelt aus der Erde Schoß,

Wie sich die schwarzen Knappen drängen, streifen,

Und mühsam stemmend aus den Stollen schleifen

Gewalt'ge Stufen, wie der Träger groß;

Ameisenvolk, du machst es dir zu schwer!

Dein roh Gestein lockt keiner Fürstin Gnaden.

Doch sieh die Spinne, rutschend hin und her,

Schon zieht sie des Gewebes letzten Faden,

Wie Perlen klar, ein duftig Elfenkleid;

Viel edle Funken sind darin entglommen;

Da kommt der Wind und häkelt es vom Heid,

Es steigt, es flattert, und es ist verschwommen. –

Die Wolke dehnte sich, scharf strich der Hauch,

Die Lerche schwieg, und sank zum Ginsterstrauch.

Die Jagd

Die Luft hat schlafen sich gelegt,

Behaglich in das Moos gestreckt;

Kein Rispeln, das die Kräuter regt,

Kein Seufzer, der die Halme weckt.

Nur eine Wolke träumt mitunter

Am blassen Horizont hinunter,

Dort, wo das Tannicht überm Wall

Die dunkeln Kandelaber streckt.

Da horch, ein Ruf, ein ferner Schall:

»Hallo! hoho!« so lang gezogen,

Man meint, die Klänge schlagen Wogen

Im Ginsterfeld, und wieder dort:

»Hallo! hoho!« – am Dickicht fort

Ein zögernd Echo, – alles still!

Man hört der Fliege Angstgeschrill

Im Mettennetz, den Fall der Beere,

Man hört im Kraut des Käfers Gang,

Und dann wie zieh'nder Kranichheere

Kling klang! von ihrer luft'gen Fähre,

Wie ferner Unkenruf: Kling! klang!

Ein Läuten das Gewäld entlang –

Hui schlüpft der Fuchs den Wall hinab –

Er gleitet durch die Binsenspeere,

Und zuckelt fürder seinen Trab:

Und aus dem Dickicht, weiß wie Flocken,

Nach stäuben die lebend'gen Glocken,

Radschlagend an des Dammes Hang;

Wie Aale schnellen sie vom Grund,

Und weiter, weiter, Fuchs und Hund. –

Der schwankende Wachholder flüstert,

Die Binse rauscht, die Heide knistert,

Und stäubt Phalänen um die Meute.

Sie jappen, klaffen nach der Beute,

Schaumflocken sprühn aus Nas' und Mund.

Noch hat der Fuchs die rechte Weite,

Gelassen trabt er, schleppt den Schweif,

Zieht in dem Taue dunklen Streif

Und zeigt verächtlich seine Socken.

Doch bald hebt er die Lunte frisch,

Und, wie im Weiher schnellt der Fisch,

Fort setzt er über Kraut und Schmelen,

Wirft mit den Läufen Kies und Staub;

Die Meute mit geschwollnen Kehlen

Ihm nach, wie rasselnd Winterlaub.

Man höret ihre Kiefern knacken,

Wenn fletschend in die Luft sie hacken;

In weitem Kreise so zum Tann,

Und wieder aus dem Dickicht dann

Ertönt das Glockenspiel der Bracken.

Was bricht dort im Gestrüppe am Revier?

Im holprichten Galopp stampft es den Grund;

Ha! brüllend Herdenvieh! voran der Stier,

Und ihnen nach klafft ein versprengter Hund.

Schwerfällig poltern sie das Feld entlang,

Das Horn gesenkt, wagrecht des Schweifes Strang,

Und taumeln noch ein paarmal in die Runde,

Eh Posto wird gefaßt im Heidegrunde.

Nun endlich stehn sie, murren noch zurück,

Das Dickicht messend mit verglastem Blick,

Dann sinkt das Haupt, und unter ihrem Zahne

Ein leises Rupfen knirrt im Thymiane;

Unwillig schnauben sie den gelben Rauch,

Das Euter streifend am Wachholderstrauch,

Und peitschen mit dem Schweife in die Wolke

Von summendem Gewürm und Fliegenvolke.

So, langsam schüttelnd den gefüllten Bauch

Fort grasen sie bis zu dem Heidekolke.

Ein Schuß: »Hallo!« – ein zweiter Schuß: »Hoho!«

Die Herde stutzt, des Kolkes Spiegel kraust

Ihr Blasen, dann die Hälse streckend, so

Wie in des Dammes Mönch der Strudel saust,

Ziehn sie das Wasser in den Schlund, sie pusten,

Die kranke Sterke schaukelt träg herbei,

Sie schaudert, schüttelt sich in hohlem Husten,

Und dann – ein Schuß, und dann – ein Jubelschrei!

Das grüne Käppchen auf dem Ohr,

Den halben Mond am Lederband,

Trabt aus der Lichtung rasch hervor

Bis mitten in das Heideland

Ein Weidmann ohne Tasch' und Büchse;

Er schwenkt das Horn, er ballt die Hand,

Dann setzt er an, und tausend Füchse

Sind nicht so kräftig totgeblasen,

Als heut es schmettert übern Rasen.

»Der Schelm ist tot, der Schelm ist tot!

Laßt uns den Schelm begraben!

Kriegen ihn die Hunde nicht,

Dann fressen ihn die Raben.

Hoho hallo!«

Da stürmt von allen Seiten es heran,

Die Bracken brechen aus Genist und Tann;

Durch das Gelände sieht in wüsten Reifen

Man johlend sie um den Hornisten schweifen.

Sie ziehen ihr Geheul so hohl und lang,

Daß es verdunkelt der Fanfare Klang,

Doch lauter, lauter schallt die Gloria,

Braust durch den Ginster die Viktoria:

»Hängt den Schelm! hängt den Schelm!

Hängt ihn an die Weide,

Mir den Balg und dir den Talg,

Dann lachen wir alle beide;

Hängt ihn! Hängt ihn!

Den Schelm, den Schelm! – –«

Die Vogelhütte

Regen, Regen, immer Regen! will nicht das Geplätscher enden,

Daß ich aus dem Sarge brechen kann, aus diesen Bretterwänden?

Sieben Schuhe ins Gevierte, das ist doch ein ärmlich Räumchen

Für ein Menschenkind, und wär' es schlank auch wie ein Rosenbäumchen!

O was ließ ich mich gelüsten, in den Vogelherd zu flüchten,

Als nur schwach die Wolke tropfte, als noch flüsterten die Fichten:

Und muß nun bestehn das Ganze, wie wenn zögernd man dem Schwätzer

Raum gegeben, dem langweilig Seile drehnden Phrasensetzer;

Und am Knopfe nun gehalten oder schlimmer an den Händen,

Zappelnd, wie der Halbgehängte langet nach des Strickes Enden!

Meine Unglücksstrick' sind dieser Wasserstriemen Läng' und Breite,

Die verkörperten Hyperbeln, denn Bindfäden regnet's heute.

Denk' ich an die heitre Stube, an das weiche Kanapee,

Und wie mein Gedicht, – das meine! – dort zerlesen wird beim Tee;

Denk' ich an die schwere Zunge, die statt meiner es zerdrischt,

Bohrend wie ein Schwertfisch möcht' ich schießen in den Wassergischt.

Pah! was kümmern mich die Tropfen, ob ich naß, ob säuberlich!

Aber besser stramm und trocken, als durchnäßt und – lächerlich.

Da – ein Fleck, ein Loch am Himmel; bist du endlich doch gebrochen,

Alte Wassertonne, hab' ich endlich dich entzweigesprochen?

Aber wehe! wie's vom Fasse brodelt, wenn gesprengt der Zapfen,

Hör' ich's auf dem Dache rasseln, förmlich wie mit Füßen stapfen.

Regen! unbarmherz'ger Regen! mögst du braten oder sieden!

Wehe, diese alte Kufe ist das Faß der Danaiden!

Ich habe mich gesetzt in Gottes Namen;

Es hilft doch alles nicht, und mein Gedicht

Ist längst gelesen, und im Schloß die Damen,

Sie saßen lange zu Gericht.

Statt einen neuen Lorbeerkranz zu drücken

In meine Phöboslocken, hat man sacht

Den alten losgezupft und hinterm Rücken

Wohl Eselsohren mir gemacht.

Verkannte Seele, fasse dich im Leiden,

Sei stark, sei nobel, denk', der Ruhm ist leer,

Das Leben kurz, es wechseln Schmerz und Freuden,

Und was dergleichen Neugedachtes mehr!

Ich schau mich um in meiner kleinen Zelle:

Für einen Klausner wär's ein hübscher Ort;

Die Bank, der Tisch, das hölzerne Gestelle

Und an der Wand die Tasche dort;

Ein Netz im Winkelchen, ein Rechen, Spaten –

Und Betten? nun, das macht sich einfach hier;

Der Thymian ist heuer gut geraten

Und blüht mir grade vor der Tür.

Die Waldung drüben – und das Quellgewässer –

Hier möcht' ich Heidebilder schreiben, zum Exempel:

»Die Vogelhütte«, nein – »der Herd«, nein besser:

»Der Knieende in Gottes weitem Tempel.«

'S ist doch romantisch, wenn ein zart Geriesel

Durch Immortellen und Wachholderstrauch

Umzieht und gleitet wie ein schlüpfend Wiesel

Und drüber flirrt der Stöberrauch;

Wenn Schimmer wechseln, weiß und seladonen;

Die weite Ebne schaukelt wie ein Schiff,

Hindurch der Kibitz schrillt, wie Halkyonen

Wehklagend ziehen um das Riff.

Am Horizont die kolossalen Brücken –

Sind's Wolken, oder ist's ein ferner Wald?

Ich will den Schemel an die Luke rücken,

Da liegt mein Hut, mein Hammer, – halt:

Ein Teller am Gestell! – was mag er bieten?

Fundus! bei Gott, ein Fund die Brezel drin!

Für einen armen Hund von Eremiten,

Wie ich es leider heute bin!

Ein seid'ner Beutel noch – am Bort zerrissen;

Ich greife, greife Rundes mit der Hand;

Weh! in die dürre Erbs' hab' ich gebissen –

Ich dacht', es seie Zuckerkand.

Und nun die Tasche! he, wir müssen klopfen –

Vielleicht liegt ein Gefangner hier in Haft;

Da – eine Flasche! schnell herab den Pfropfen –

Ist's Wasser? Wasser? – edler Rebensaft!

Und Edlerer, der ihn dem Sack vertraute,

Splendid barmherziger Wildhüter du,

Für einen armen Schelm, der Erbsen kaute,

Den frommen Bruder Tuck im Ivanhoe!

Mit dem Gekörn will ich den Kibitz letzen,

Es aus der Lucke streun, wenn er im Flug

Herschwirrt, mir auf die Schulter sich zu setzen,

Wie man es lies't in manchem Buch.

Mir ist ganz wohl in meiner armen Zelle;

Wie mir das Klausnerleben so gefällt!

Ich bleibe hier, ich geh' nicht von der Stelle,

Bevor der letzte Tropfen fällt.

*

Es verrieselt, es verraucht,

Mählich aus der Wolke taucht

Neu hervor der Sonnenadel.

In den feinen Dunst die Fichte

Ihre grünen Dornen streckt,

Wie ein schönes Weib die Nadel

In den Spitzenschleier steckt;

Und die Heide steht im Lichte

Zahllos blanker Tropfen, die

Am Wachholder zittern, wie

Glasgehänge an dem Lüster.

Überm Grund geht ein Geflüster,

Jedes Kräutchen reckt sich auf,

Und in langgestrecktem Lauf,

Durch den Sand des Pfades eilend,

Blitzt das goldne Panzerhemd

Des Kuriers; am Halme weilend

Streicht die Grille sich das Naß

Von der Flügel grünem Glas.

Grashalm glänzt wie eine Klinge,

Und die kleinen Schmetterlinge,

Blau, orange, gelb und weiß,

Jagen tummelnd sich im Kreis.

Alles Schimmer, alles Licht;

Bergwald mag und Welle nicht

Solche Farbentöne hegen,

Wie die Heide nach dem Regen.

Ein Schall – und wieder – wieder – was ist das? –

Bei Gott, das Schloß! Da schlägt es Acht im Turme –

Weh, mein Gedicht! o weh mir armem Wurme,

Nun fällt mir alles ein, was ich vergaß!

Mein Hut, mein Hammer, hurtig fortgetrabt –

Vielleicht, vielleicht ist man diskret gewesen

Und harrte meiner, der sein Federlesen

Indes mit Kraut und Würmern hat gehabt. –

Nun kommt der Steg und nun des Teiches Ried,

Nun steigen der Alleen schlanke Streifen;

Ich weiß es nicht, ich kann es nicht begreifen,

Wie ich so gänzlich mich vom Leben schied –

Doch freilich – damals war ich Eremit!

Der Weiher

Er liegt so still im Morgenlicht,

So friedlich, wie ein fromm Gewissen;

Wenn Weste seinen Spiegel küssen,

Des Ufers Blume fühlt es nicht;

Libellen zittern über ihn,

Blaugoldne Stäbchen und Karmin,

Und auf des Sonnenbildes Glanz

Die Wasserspinne führt den Tanz;

Schwertlilienkranz am Ufer steht

Und horcht des Schilfes Schlummerliede;

Ein lindes Säuseln kommt und geht,

Als flüstre's: Friede! Friede! Friede! –

Das Schilf

»Stille, er schläft! stille, stille!

Libelle, reg' die Schwingen sacht,

Daß nicht das Goldgewebe schrille,

Und, Ufergrün, halt gute Wacht,

Kein Kieselchen laß niederfallen.

Er schläft auf seinem Wolkenflaum

Und über ihn läßt säuselnd wallen

Das Laubgewölb' der alte Baum;

Hoch oben, wo die Sonne glüht,

Wieget der Vogel seine Flügel,

Und wie ein schlüpfend Fischlein zieht

Sein Schatten durch des Teiches Spiegel.

Stille, stille! er hat sich geregt,

Ein fallend Reis hat ihn bewegt,

Das grad zum Nest der Hänfling trug:

Su, Su! breit', Ast, dein grünes Tuch –

Su, Su! nun schläft er fest genug.«

Die Linde

»Ich breite über ihn mein Blätterdach,

So weit ich es vom Ufer strecken mag.

Schau her, wie langaus meine Arme reichen,

Ihm mit den Fächern das Gewürm zu scheuchen,

Das hundertfarbig zittert in der Luft.

Ich hauch' ihm meines Odems besten Duft,

Und auf sein Lager lass' ich niederfallen

Die lieblichste von meinen Blüten allen;

Und eine Bank lehnt sich an meinen Stamm,

Da schaut ein Dichter von dem Uferdamm,

Den hör' ich flüstern wunderliche Weise

Von mir und dir und der Libell' so leise,

Daß er den frommen Schläfer nicht geweckt;

Sonst wahrlich hätt' die Raupe ihn erschreckt,

Die ich geschleudert aus dem Blätterhag.

Wie grell die Sonne blitzt! schwül wird der Tag.

Die Wasserfäden

Kinder am Ufer

Pah! Frösch' und Hechte können mich nicht schrecken –

Allein, ob nicht vielleicht der Wassermann

Dort in den langen Kräutern hocken kann?

Ich geh', ich gehe schon – ich gehe nicht –

Mich dünkt', ich sah am Grunde ein Gesicht –

Komm, laß uns lieber heim, die Sonne sticht!«