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Sabine Reber

Meine Gärten
zum Glück

Eine Liebeserklärung

Mit Bildern von Christoph Stöh Grünig

CALLWEY

Für Yves

„Man muss zurückdenken können an Wege in unbekannten Gegenden (...)
und an Morgen am Meer, ans Meer überhaupt, an Meere (...)“.
Rainer Maria Rilke

Alle Figuren sind frei erfunden. Dies ist ein fiktiver Text, jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig.

Inhalt

Erstes Kapitel Mist und Grashalme

Zweites Kapitel In den Wind geschrieben

Drittes Kapitel Warum die Schweizer so dünn waren

Viertes Kapitel Der Hinkelstein im Rasen

Fünftes Kapitel Die geplante Krönung

Sechtes Kapitel Baggern für die Frösche

Siebtes Kapitel Das gläserne Paradies

Achtes Kapitel Rosenduft und Weihrauch

Neuntes Kapitel Sturm und Sterne

Zehntes Kapitel Im Schatten der geköpften Erlen

Elftes Kapitel Der halbierte Pfau

Zwölftes Kapitel Ein gestrandetes Schiff

Epilog

Danksagung

Bild 1 Schleifenblume.jpg

Mist und Grashalme

............................. Wie die Sonne ins Meer sinkt und die Pracht der Fassaden mit sich reißt, wie wir ein weiteres Mal am Markusplatz vorbei in die Lagune hinausfahren, sage ich, das Wasser, ja, das Wasser habe ich gesucht. Immer wieder bin ich gestrandet, sage ich, in einem Garten nach dem anderen, ein Fisch auf dem Trockenen. Ich habe nach Luft geschnappt, Maulwurfshände sind mir gewachsen. Und so habe ich mich durch die Erde gepflügt, habe versucht, das Beste aus der Situation zu machen, Gemüse zu pflanzen und Rosen. Immer wieder habe ich von vorn angefangen, habe gebuddelt, bis ich mich selbst nicht mehr gespürt habe.

„Sinnlose Unterfangen“, sagt er, und ich nicke.

Einen Garten nach dem anderen habe ich angelegt und zurückgelassen, immer bin ich davongelaufen, weiter, immer weiter, als müsste ich vor mir selbst davonlaufen. Und doch habe ich sie gebraucht, jeden Einzelnen von ihnen. Die Gärten ziehen sich als roter Faden durch mein Leben.

„Du bist in den Garten geflüchtet“, sagt er, „wenn dir das Leben über den Kopf wuchs, bist vor dir selbst geflüchtet, vor deinen Beziehungen, hast den Kopf in die Erde gesteckt, statt deine Probleme zu lösen.“

„Wenn morgen die Welt unterginge, ich würde noch einmal einen Garten anlegen“, behaupte ich.

„Ein Haus bauen, ein Kind zeugen, einen Baum pflanzen, das alte Männerklischee ...“

„Wenigstens einen Baum pflanzen“, sage ich, „eine Handvoll Blumen säen. Jedes Samenkorn trägt neues Glück in sich.“

„Und sobald es wächst, willst du wieder gehen!“

Tatsächlich war ich jedesmal erleichtert, die bepflanzten Beete, die Gewächshäuser und Sitzplätze, die Bäume, die Kletterrosen und ja, auch die Ehemänner, mit denen ich die Häuser und Gärten bewohnte, loslassen zu können und einen Schritt weiterzugehen.

„Nun gärtnerst du allein“, sagt er und greift nach meiner Hand.

„Über dich werde ich kein Buch schreiben“, hatte ich am Anfang unserer Beziehung gesagt, jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Wäre es vielleicht doch möglich, einen Text zu schreiben, dem nicht schon am Anfang das Ende innewohnt?

Wir biegen in den Canal Grande ein, fahren am Bahnhof vorbei, an unserem Hotel, noch eine Runde um die Stadt und noch eine.

„Aber du vermisst doch deine Gärten“, insistiert er.

„Trauerst du dem Haus nach, das du für deine Familie gebaut hast?“

„Nein“, sagt er, „eigentlich nicht. Aber du hast in deinen Gärten Träume realisiert!“

„Machst du das nicht mit jedem Gebäude, das du planst?“

„Ein Haus ist irgendwann fertig, und basta. Aber einen Garten stelle ich mir vor wie ein Kind, das man aufwachsen sieht, man hegt und pflegt, hätschelt und formt es und staunt immer wieder über sein Eigenleben.“

„Das Wasser habe ich vermisst!“, behaupte ich. „Gärten gehören einem nicht, sie fallen einem zu. Und wenn man sie wieder verliert, lernt man das zu verschmerzen.“

Er nickt, sagt aber, er glaube mir das nur halbwegs.

Als ich nach acht Jahren in Irland in die Schweiz zurückkehrte, fiel mir ein Gärtchen zu, so klein wie ein fliegender Teppich. Auf den ersten Blick war er nicht als Garten zu erkennen. Drei seiner vier Wände bestanden aus rostigen Geländern und Maschendraht. Die vierte öffnete sich als Panoramafenster zum Bielersee, an dessen fernem Ufer sich die Alpen im Abendrot färbten. Linker Hand ragte die Petersinsel aus dem See, die wie ein bemoostes Tier auf dem Wasser zu schlafen schien. Der Himmel war weit dort draußen, weit und viel blauer als in der Stadt, und nachts standen klar und hell die Sternbilder über dem See. Als ich das mit Sonnenblumen und mehrjährigen Wicken überwucherte Fleckchen Erde zum ersten Mal gesehen hatte, verliebte ich mich sogleich in den Ort − und blieb.

„Wegen des Gärtchens bist du nach Twann gezogen?“

„Natürlich! Erst hatte ich das Gärtchen, alles andere hat sich dann daraus ergeben. Ja, mitunter sind es Gärten, die unser Schicksal bestimmen. Und ein wenig bin ich auch wegen der Leute geblieben, die mich mit ihrer offenen Herzlichkeit an die Iren erinnerten. Nach einer Woche in Twann war ich praktisch mit dem ganzen Dorf per Du, und wenn man etwas brauchte, dann fragte man in der Dorfbeiz oder beim Beck, und irgendjemand kannte sicher jemanden, der eine Lösung wusste. Genauso war das auch in Irland gewesen, und ich fühlte mich zu Hause. Es ist vielleicht der einzige Ort, an den ich zurückgehen würde.“

„Das Paradies auf Erden, ausgerechnet in Twann?“

„Das Gärtchen am See war natürlich nicht perfekt. Die meisten Gärten sind nicht perfekt. In meinem Rücken rauschte die Bahn, Lastwagen donnerten vorbei, tosende Güterzüge unterbrachen minutenlang jedes Gespräch, zwangen zum Innehalten. So stand ich dann am Zaun und sah den endlos vorbeiziehenden Tankwagen nach, die Benzin von der Raffinerie in Cressier Richtung Deutschschweiz brachten. Passanten warfen Abfall über den Zaun, und manchmal standen betrunkene Touristen vor dem Tor, die sich gemeinsam mit meinem zwei Meter hohen Holzbären Herbert ablichten lassen wollten.“

„Von dem Bären hast du mir noch nie erzählt.“

„Er war dreihundert Kilo schwer, ein Souvenir von einer Wanderung im Oberland. Ich hatte ihn vor einem Landgasthof in Gündlischwand gesehen, um seinen Hals hing ein Schild: „Alter Bär zu verkaufen.“ Er tat mir leid. Gemeinsam mit Freunden karrte ich ihn nach Twann. Als ich am nächsten Morgen ins Gärtchen kam, hing eine Papiertüte mit einem Glas Honig an seinem Arm.“

Als der Bär sich eingelebt hatte, fing ich an, das Fleckchen Land neu zu gestalten. Als Erstes pflanzte ich einen Apfelbaum und einen Feigenbaum. An den Zäunen entlang setzte ich romantische Kletterrosen. Dann machte ich mich daran, Hochbeete zu zimmern. Kleine, quadratische Kästen, die ich mit Gemüse bepflanzte. Im ersten Sommer half ich noch mit Feuerbohnen, Glockenreben und himmelblauen Trichterwinden nach. Ich behauptete gerne, ich würde im Garten arbeiten, und verschwand dann in dem blühenden Dickicht. Niemand brauchte zu wissen, dass ich mich oft mit einem Buch auf den Bootssteg setzte und las, bis die Sonne unterging.

„Und Irland?“, fragt mein Liebster, „wolltest du nie zurück? Dort hast du immerhin acht Jahre gelebt.“

Direkt nach meiner Rückkehr in die Schweiz hat mir das Meer sehr gefehlt. Und die Freunde auch, ja, die Freunde habe ich vermisst. Es hatte so lange gedauert, bis ich mich endlich entschieden hatte, Donegal zu verlassen. Ein Teil von mir wollte weg aus Irland, und ein Teil von mir hielt umso stärker am Garten fest. Ich hatte versucht zu gehen und gleichzeitig neue Rosen gepflanzt. Ich hatte Visitenkarten und Broschüren gedruckt und mich „Garden Consultant“ genannt. Ich hatte die Gärten anderer Leute designt und geplant, den Sommer über bei mir im Garten Kurse abzuhalten. Die Lokalzeitung hatte meinem Geschäft eine ganze Seite gewidmet, und die Anfragen hatten sich gehäuft.

Derweil war mein Leben vollends aus den Fugen geraten. Es ging nicht mehr. Ich verkaufte und verschenkte Pflanzen. Kostbarkeiten schaffte ich ins Gewächshaus einer Freundin, vertraute meine Schneeglöckchensammlung einer anderen Freundin zum Hüten an, verschickte Samen von Kräutern und Blumen, die mir lieb geworden waren. Im März überlegte ich, ob ich meine Saatkartoffeln noch pflanzen sollte. Ich hatte eine alte blaue Sorte, die ich seit Jahren hegte, sowie französische Rattes, die besten aller Kartoffeln. Sie waren einfach viel zu schade, um sie vergammeln zu lassen, also steckte ich sie in die Erde. Ich räumte das Gewächshaus auf und versuchte, mir einen Überblick über meine Töpfe zu verschaffen − es waren an die tausend. Alles, was ich wieder aus Samen ziehen konnte, und alles, was mir nie gefallen hatte, warf ich weg. Danach waren immer noch einige hundert Töpfe übrig.

Ende Mai packte ich meine Siebensachen in Kisten. Draußen nahmen die Rosenknospen Farbe an. Am Zaun blühte die gelbe Rose Canary Bird, und Mme Caroline Testout zeigte erste frivole Rüschen. Ich streifte Blattläuse von ihren Knospen, fuhr mit dem Finger über die pelzigen Blätter des Rhododendron falconeri, der im vergangenen Jahr ordentlich zugelegt hatte. Ich naschte von der jungen Petersilie und vom japanischen Senf, probierte die ersten Zuckererbsen. Ich überprüfte die Stützen der Rittersporne. Ein letztes Mal ließ ich die fruchtbare dunkle Erde durch meine Hände rieseln. Wie viele Traktorladungen Mist und Lauberde hatte ich eingegraben, wie viele reife Komposthaufen in die Beete geschaufelt! Ich dachte an die zahlreichen Blasen an meinen Händen und daran, wie oft mich der Hexenschuss heimgesucht hatte. Die Schwertlilien, um deren Gedeihen ich jahrelang gerungen und deretwegen ich schubkarrenweise Kies unter die feuchte Erde gemischt hatte, blühten zu diesem Zeitpunkt in ihrer ganzen Pracht. Der Scheinmohn aus dem Himalaja erstrahlte blauer denn je.

Bild 2 Bartiris.jpg

Ich verließ mein grünes Paradies, als es seinen Zenit erreicht hatte: die Hecken schulterhohe Wände, die Alten Rosen stattliche Büsche. Die Stämme der Papierbirken färbten sich in diesem Jahr weiß, ihr Laub zog sich als zarter Vorhang vor die Bluestack Mountains. Auch die gemischten Staudenbeete zeigten sich von ihrer besten Seite: Türkenmohn, Lupinen, die Tränenden Herzen, alles, alles blühte in den Tagen vor meiner Abreise. Es kam mir vor, als wüssten die Blumen, dass ich im Begriff war, sie zu verlassen, und als versuchten sie, mich mit allen Kräften umzustimmen.

Am ersten Juni fuhr ich frühmorgens mit dem Taxi zum Flughafen von Belfast. Zum ersten Mal hatte ich keine einzige Pflanze und keine Samentütchen im Gepäck. Die ersten beiden Wochen in der Schweiz schien ich zu schweben − ohne Mann und Haus und Garten fühlte ich mich frei und leicht. Die Tage lagen leer und weit vor mir, Wochen, Monate, mein Leben fortan ohne Aufgabe und Ziel und nichts, was gesät und gegossen und umsorgt werden musste. Nachts schreckte ich aus dem Schlaf, weil ich von wuchernden Wicken und Brombeerfeldern geträumt hatte, die bis zum Horizont reichten, von fleischfressenden Schlingpflanzen, Mangrovensümpfen, einmal tauchten sogar Krokodile auf. Und die Hecken rückten näher, die Wege wurden schmaler. Bald gäbe es kein Durchkommen mehr.

Zwei Wochen nach meiner Abreise kehrte ich mit einem gemieteten Lieferwagen nach Donegal zurück, um meine Bücher und Kleider und wenigstens einige Pflanzen zu holen. Ich wünschte mir Regen, Mücken, einen Hagelsturm. Alle Übel wären mir recht gewesen, um den Abschied von meinem irischen Garten zu mildern. Und tatsächlich war mir das Wetter gnädig − grau in grau, mit leichtem Nieselregen, die Luft absolut windstill.

Die zartgelbe Graham-Thomas-Rose öffnete ihre Blüten, als ich meinen Garten ein letztes Mal betrat. An den Knospen von Großvaters Edelrosen klebten Blattläuse, ihr glänzendes Laub war bereits von Rost befallen. Constance Spry, die Rose mit der perfektesten, ebenmäßig gefüllten Blütenform und dem geheimnisvollen Myrrheparfüm, hob ihre schweren Köpfe über den Bretterzaun und rahmte den Gemüsegarten ein. Die Zuckererbsen waren bereits zu groß, der Rhabarber aufgeschossen, der Salat von den Schnecken gefressen. Den Winterkohl hatten Nachbarn geholt. Hornveilchen, Schnittlauch und Vergissmeinnicht wuchsen auf den Kieswegen. Meine Dschungelträume wurden zwar nicht übertroffen, aber ich staunte doch, wie weit die Beete nach nur zwei Wochen schon überwuchert waren.

Hahnenfuß, Löwenzahn und Gräser drängten sich um meine Stauden. Die Madonnenlilien wurden von Spitzwegerich belästigt, wilde Wicken machten sich daran, meine heiß geliebte Bourbonrose Mme Isaac Pereire zu erwürgen. Vom verwilderten Feld des Nachbarn rankten Brombeeren herüber. Unter ihrem Schutz würde sich der wilde Stechginster ausbreiten. Bald würden die hartnäckigen Binsen wieder auftauchen, denen ich über die Jahre mit so viel Mühe zu Leibe gerückt war. Und eines Tags würden Hunderte versamter Erlen dem Himmel entgegenwachsen.

Als alle Kisten im Lieferwagen verstaut waren und ich eine letzte Runde durch den Garten machte, sah ich, dass sich an einem der Rosa-Mundi-Büsche eine Blüte geöffnet hatte, als wollte sich meine Lieblingsrose von mir verabschieden. Die gestreifte Rarität Tricolore de Flandre jedoch werde ich wohl nie blühen sehen − ich hatte sie erst im vorhergehenden Herbst auftreiben können. Ihre Knospen waren noch geschlossen, als ich ging. Dafür blühte die seltene Orchidee Dactylorhiza braunii, die mir die Gärtnerin Helen Dillon aus Dublin geschenkt hatte. Ich wagte es nicht, sie kurz vor der Blüte auszugraben. Auch die gelben Baumpäonien konnte ich nicht mitnehmen, sie waren schon zu groß. Der legendären Paeonia mlokosewitschii habe ich etliche Tränen nachgeweint, zumal sie endlich eine stattliche Größe erreicht und üppig geblüht hatte. Von manchen Pflanzen kann man nicht einfach eine neue kaufen, zu sehr ist ihre Geschichte mit einem Garten und den Menschen verbunden, die sie einem geschenkt haben. Meine gelbe Baumpäonie hatten liebe Gartenfreunde selber vermehrt. Aber sie war nun definitiv zu groß, um sie auszubuddeln. Den schwarzen Storchenschnabel Geranium phaeum musste ich ebenfalls zurücklassen, genauso wie den Anne-Folkard-Storchschnabel mit seinen violetten Blüten und dem schwarzen Auge, der sich durch Staudenbeete und Alte Rosen wob und sie mit seinen dunklen Blüten ankerte.

Im Gemüsegarten blieb ein immergrüner mehrjähriger Kohl aus dem Garten eines irischen Bauern zurück, ebenso wie die Miss-Perry-Äpfel, eine alte Sorte aus Schottland, die mir die Mutter einer Freundin geschenkt hatte. Auch von der Dierama und den dunkelroten Astrantien aus Jonathan Shackletons Lakeview-Garten musste ich mich verabschieden. All die Pflanzen, die mir liebe Menschen geschenkt hatten oder die ich aus berühmten Gärten stibitzt, aus Samen und Stecklingen vermehrt und mit viel Aufwand gezogen hatte − sie alle haben ihre Geschichten, und ich ließ mit ihnen auch einen Teil meines Lebens zurück.

Auf dem Fenstersims meines B&B-Zimmers in Donegal stand dann noch ein Rosenstrauß: Als Andenken hatte ich Constance Spry, die gestreifte, nach Zitronen duftende Ferdinand Pichard, die dunkelrote Chianti und die persische Rose de Resht ausgewählt. Sie alle erfüllten das Zimmer mit ihrem herrlichen Duft und mich mit Wehmut. Mein Blick fiel auf die nassen Turnschuhe, die auf der Heizung lagen und an denen noch Mist und Grashalme klebten. Im Lieferwagen kämpften zwei Dutzend Duftgeranien und Steingartenpflanzen in Kisten ums Überleben. Ein letztes Mal kratzte ich die reiche schwarze Erde unter meinen Fingernägeln hervor. ...........................................................